Kloke, Eberhard

Wieviel Programm braucht Musik?

Eine Zwischenbilanz 1980 bis 2010

Verlag/Label: Pfau, Saarbrücken 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/01 , Seite 94

Sper­rige Klänge haben es im öffentlichen Konzertleben bekan­ntlich schw­er. Musik ab 1950 erklingt im Sym­phoniekonz­ert so gut wie nie. Durchs Quoten­raster fall­en unter anderem hochkarätige Orch­ester­w­erke von Ian­nis Xenakis, Hel­mut Lachen­mann und sog­ar von «gemäßigteren» Kom­pon­is­ten wie Hans Wern­er Hen­ze. Fes­ti­vals mit neuer Musik set­zen dem Miss­stand wenig ent­ge­gen. Urauf­führun­gen ge­ben hier den Ton an. Eine unüberse­hbare Reper­toire-Lücke etwa von Schön­bergs Zeit­en bis zum jew­eils Aktuellen bleibt.
Der Diri­gent Eber­hard Kloke hin­terfragt zu Recht die Spal­tung der öffentlichen Musikkul­tur in zeit­genös­sis­che Musik und Musik des 17. bis 19. Jahrhun­derts. Sich­er ist und war er nicht der Einzige. Schon Klokes Kol­le­gen Pierre Boulez, Michael Gie­len, Erich Leins­dorf und Peter Gülke haben in den aufrührerischen 1970er und später in den 1980er Jahren un­orthodoxe Kon­tex­tu­al­isierun­gen von Alt und Neu gepflegt, jedoch nicht die Muße gefun­den, ihre Prax­is schriftlich festzuhal­ten. Schon zu Beginn der 1980er Jahre in Ulm sah Kloke – in sein­er Funk­tion als Gen­eral­musikdi­rek­tor, die er später noch in Freiburg, Bochum und Nürn­berg bek­lei­dete – in der steten Wiederkehr etabliert­er Orch­ester­w­erke eine Per­spek­tivlosigkeit des Konzertlebens. Dieser begeg­net er mit Zeit­en umspan­nen­den, im 450-seit­i­gen Buch oft mehr kur­sorisch doku­men­tierten als konkret begrün­de­ten Pro­gram­men: Der Notre Dame-Meis­ter Per­otin begeg­nete an einem Abend Wal­ter Zim­mer­mann, Mario Lav­ista sah sich Gus­tav Mahler gegenüber und Richard Wag­n­er dem amerikanis­chen Experimenta­tor George Crumb. «Raum-Konz­ert» nan­nte Kloke den Zeit­en überspan­nen­den Konz­ertabend der Bochumer Jahrhun­derthalle, ein­er der größten Bauzeug­nisse der Industriekultur.
Neben der Bedeu­tung des Auf­führungsraums spie­len imma­nent poli­tis­che Kon­tex­tu­al­isierun­gen eine gro­ße Rolle in Klokes Pro­gram­mierun­gen: «ORTE erin­nern – Eine Fahrt auf den Spuren des NS-Ter­rors» laut­en zwei geplante Ver­anstal­tungsrei­hen in Berlin. Freiluftkonz­erte soll­ten stat­tfind­en an promi­nen­ten Orten faschis­tis­ch­er Geschichte, jew­eils unter ver­schiede­nen Mot­tos: «todesfuge» heißt das Pro­gramm an der Gedenkstätte Plötzensee; Steve Mart­lands Drill für zwei Klaviere war gedacht vor Mauri­cio Kagels 10 Märsche, um den Sieg zu ver­fehlen. Par­al­lel dazu sollte Paul Celans Text Todesfuge rez­i­tiert wer­den. Am Denkmal zur Bücherver­bren­nung wollte Kloke einen Auss­chnitt aus Carl Orffs Carmi­na Burana zu Gehör brin­gen und so auf das Ver­hal­ten des Kom­pon­is­ten während des Nation­al­sozial­is­mus ver­weisen. Cir­ca sechs Stun­den sollte die auss­chweifende (auf­grund ein­er kurzfristi­gen Absage des anvisierten Ver­anstal­ters nicht real­isierte) Pro­duk­tion dauern. Trotz sin­nvoller Vorschläge zur Nutzung mul­ti­me­di­aler Möglichkeit­en des Inter­nets ist es gewiss ein Manko, dass Klokes Ideen zu oft ausufer­nde Ten­den­zen zeigen, die nicht nur auf eventuelle Spon­soren bedrän­gend wirken kön­nen. Sein Ver­di­enst, das – merk­würdi­ger­weise weit unter­be­lichtete – The­ma «Konz­ert­pro­gramm» auf die Agen­da zu set­zen, schmälert das nicht.
Torsten Möller