Krenek, Ernst

Works for Violin

Sonatas / Triophantasie

Verlag/Label: audite 95.666
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 83

Musikalis­che Wer­tung: 3
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 4


Mit Karl V, ent­standen 1930 bis 33, schuf Ernst Krenek die erste Zwölftonop­er; ihre geplante Urauf­führung 1934 in Wien wurde aus poli­tis­chen Grün­den abge­sagt (sie fand 1938 in Prag statt). Und mit Jon­ny spielt auf, uraufge­führt 1927 in Leipzig, kom­ponierte er eine soge­nan­nte «Jazz-Oper», mit der er zwis­chen allen Stühlen saß: Beim Pub­likum erzielte er einen Wel­ter­folg, die kün­st­lerische «Avant­garde» sah einen Ver­rat an ihren Ide­alen, und die kon­ser­v­a­tive Kri­tik stem­pelte ihn zum «Kul­tur­bolschewiken» und leit­ete damit seine Äch­tung als «entarteter Kün­stler» ein. Unruhige Zeit­en hat der 1900 in Wien geborene Krenek alle­mal erlebt, 1991 starb er in Kalifornien.
Ob die Kam­mer­musik, die weniger im Fokus der Öffentlichkeit ste­ht als die Oper, ihm als Feld wahrer musikalis­ch­er Selb­stver­wirk­lichung diente, sei dahingestellt. Jeden­falls schrieb Krenek – ger­ade auch für die Vio­line – beacht­li­che, bis dato ver­nach­läs­sigte Werke, die viel über seine kün­st­lerische Iden­tität zwis­chen Expres­sion und Kon­struk­tion aus­sagen. Klar zur Expres­sion neigt sich das Pen­del in der Sonate für Solovi­o­line Nr. 1 op. 33 von 1925. Im den Zeit­geist bes­tim­menden Span­nungsver­hält­nis zwis­chen Expres­sion­is­mus und struk­tureller Ver­sach­lichung, die indes nicht wirk­lich einen Gegen­satz bilden, son­dern zwei Seit­en ein­er Medaille sind, schien Krenek zu diesem Zeit­punkt noch in Ersterem steck­enge­blieben zu sein. Das hängt mit dem zen­tralen Beweg­grund für die Sonate zusam­men, die, wie Krenek in seinen Mem­oiren kund­tat, «in ein­er Art Raserei kom­poniert wor­den war, auf einem Höhep­unkt mein­er Liebes­beziehung zu Alma». Nein, Alma Mahler war nicht gemeint, son­dern die Geigerin Alma Mood­ie, die das ihr gewid­mete Stück dann aber nie gespielt hat.
Nun kann Kreneks «Raserei» gewiss als Moti­va­tion für eine auf emo­tionale Emphase set­zende Inter­pre­ta­tion herange­zo­gen wer­den. Etwas mehr Küh­le und Dis­tanz hät­ten der Sonate aber mehr genutzt als geschadet, zumal vor dem Hin­ter­grund von Kreneks Bewun­derung für Bach, der in seinen Sonat­en und Par­titen mit den Mit­teln sein­er Zeit die Grat­wan­derung zwis­chen Expres­sion und Kon­struk­tion per­fekt vollführte. Zwar trägt Christoph Schickedanz’ Ansatz nur bed­ingt über die Länge von über ein­er hal­ben Stunde – für Geigen­lieb­haber ist aber allein schon die tech­nis­che Bril­lanz dieser Erstein­spielung ein Genuss.
Das Anliegen, Kreneks Klang­wel­ten bedeu­tungss­chw­er aufzu­laden, kennze­ich­net auch die weit­eren Inter­pre­ta­tio­nen. Ein­gelöst hat sich dieser Anspruch in der knapp disponierten zweit­en Vio­lin­solosonate von 1948, die aus drei markan­ten Sätzen mit harschen, wider­stre­i­t­ende Posi­tio­nen vertre­tenden inneren Monolo­gen besteht.
Dass sich Schickedanz auch in ein ver­siertes Trio, das 2004 ins Leben gerufene Johannes-Kreisler-Trio, einzufü­gen ver­mag, zeigt sich in der Trio­phan­tasie op. 63 von 1929. Darin besann sich Krenek in ein­er schöpferisch für ihn kri­tis­chen Zeit – er stand an der Schwelle zur Zwölfton­tech­nik – auf Franz Schu­bert, und er pro­jizierte den Geist von dessen «Fan­tasien» auf seine Tonsprache.

Egbert Hiller