Nina Noeske
Zwischen den Stühlen?
Ruth Zechlin und das Politische des Unpolitischen
Die 1926 als Ruth Oschatz geborene Komponistin Ruth Zechlin hat sich immer wieder als «zwischen den Stühlen» sitzend empfunden. Explizit äußerte dies die damals 46-Jährige während einer Sitzung des Komponistenverbandes der DDR im Jahr 1972. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits zur Professorin für Komposition an der Ost-Berliner Hanns-Eisler-Hochschule (1969) und zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste (1970) berufen worden. So sei sie, wie sie den Kollegen zu verstehen gibt, einerseits «fasziniert» von allem, «was Progressives um mich herum geschieht, und dem ich völlig bejahend gegenüberstehe». Andererseits sei sie «mit kompositorischen Traditionen aufgewachsen […], die dem scheinbar entgegenstehen». Wie also sei es möglich, sich dem Neuen zu öffnen, ohne die eigene künstlerische Identität zu verleugnen, sich also, in Zechlins Worten, «selbst treu» zu bleiben? Was auf den ersten Blick wie eine rein ästhetische Positionsbestimmung erscheint, verweist auf ein Grundproblem des Komponierens in politisch aufgeladenen Kontexten, in der DDR vielleicht mehr noch als anderswo.

