Klein, Tobias Robert

Alexander Zemlinsky – Steve Reich. Alternative Moderne(n)

«Afrika» in der Kompositionskultur des 20. Jahrhunderts

Verlag/Label: Verlag Dohr, Köln 2014, 172 Seiten, 24,80 Euro
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/01 , Seite 93

Der Titel mag sper­rig erscheinen, doch die orthografis­chen Beson­der­heit­en sind notwendig, um das The­ma präzise zu umreißen. Die Sym­phonis­chen Gesänge op. 20 von Alexan­der Zem­lin­sky und Steve Reichs Drum­ming – und nicht etwa deren Biografie oder Gesamtwerk – sind Gegen­stand von Tobias Robert Kleins Unter­suchung, jedoch nicht um ihrer selb­st willen. Die bei­den Werke sind Beispiele für das, was im Unter­ti­tel ange­sprochen ist: eine alter­na­tive Mod­erne, oder auch Mod­er­nen im Plur­al. Denn neben der Mod­erne, so Klein, gibt es gle­ich mehrere alter­na­tive Mod­elle, die im Buch ange­sprochen sind: ein­er­seits die neuen For­men, die aus soge­nan­nter tra­di­tioneller Musik des afrikanis­chen Kon­ti­nents her­vorge­gan­gen sind; zum anderen musikalis­che For­men der west­lichen Welt, die sich im Gegen­satz zum Main­stream der Mod­erne als Teil ein­er «glob­alen Ökumene» ver­ste­hen. «Afri­ka» ste­ht in Anführungsze­ichen, weil es nicht um «afrikanis­che Musik» geht – was im­mer man darunter ver­ste­hen mag –, son­dern um den Begriff, den sich die bei­den Kom­pon­is­ten unter sehr unter­schiedlichen Voraus­set­zun­gen von «Afri­ka» macht­en. Darum geht es in dem Buch.
1929, als der Lehrer Arnold Schön­bergs die Sym­phonis­chen Gesänge schrieb, führte zum Begriff «Afri­ka» ein ziem­lich weit­er Um­weg. Es waren die Poet­en der «Harlem Renais­sance», die in den 1920er Jahren zuerst ein Bewusst­sein von «afrikanis­ch­er» Iden­tität entwick­el­ten. Was davon – von den Gedicht­en, die Zem­lin­sky ver­tonte, eben­so wie von den Diskursen von William Du Bois oder Book­er T. Wash­ing­ton – in Deutsch­land ankam, war naturgemäß bruch­stück­haft, schon allein auf­grund der Über­set­zun­gen. Man bedenke, dass «feel­in’ blue» im Gedicht von Langston Hugh­es nicht adä­quat über­set­zbar und eben­so we­nig geläu­fig war wie das dem Text zugrunde liegende Blues-Schema. Zem­linsky antwortet darauf auch nicht mit Blue Notes und hält sich von gängi­gen, zur dama­li­gen Zeit mo­dischen Exo­tis­men fern. Mit ei­ner dif­feren­zierten Ton­sprache plädiert er – so Klein – ähn­lich wie Gus­tav Mahler in Des Knaben Wun­der­horn für «Außen­seit­er, Eingek­erk­erte, dar­bende Kinder, Ver­fol­gte, Ver­lorene Posten».
Klein analysiert sehr detail­liert die Par­ti­tur, eben­so bei Steve Reich. Vor allem aber zeigt er, wie sich die bei­den Kom­pon­is­ten das fremde Mate­r­i­al – bei Zem­lin­sky Texte, bei Reich die Erfahrun­gen eines Ghana-Aufen­thalts – aneignen. Dies bedeutet ger­ade nicht, einen «Ein­fluss» ghanais­ch­er oder afrikanis­ch­er Musik auf Reich zu kon­sta­tieren. Vielmehr benötigt der Kom­pon­ist die Erfahrung des Anderen, um sich in sein­er eige­nen Vorge­hensweise bestätigt zu fühlen, die sich wiederum gegen die damals üblichen Kom­po­si­tion­sweisen abgren­zt. Auf knapp 150 Seit­en – Lit­er­aturverze­ich­nis nicht mit­gerech­net – gelingt Klein nicht nur eine bestechende Analyse der bei­den Werke, son­dern eine beispiel­hafte Unter­suchung dazu, was «Afri­ka» für die Kul­turgeschichte des 20. Jahrhun­derts bedeutet.

Diet­rich Heißen­büt­tel