Eichberg, Søren Nils

Before Heaven, Before Earth

Symphonies 1 & 2

Verlag/Label: Dacapo Records 8.226109
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/04 , Seite 78

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 3

Das hätte man unser­er mit Stu­di­engän­gen und Exam­i­na zugepflasterten Beruf­swelt Musik kaum mehr zuge­traut: dass sich ein Pianist ohne Kom­po­si­tion­sstudi­um zum Ton­schöpfer bes­timmt, selb­st­gewiss seinem Inge­ni­um fol­gt, seine Noten in die richti­gen Kanäle lenkt, den Nerv der Musik­er trifft, dem Klas­sik-Pub­likum behagt und Pro­gramm­plätze bei namhaften Orch­estern, Ensem­bles und Musik­the­atern erobert.
Søren Nils Eich­berg, 1973 in Stuttgart geboren­er Sohn eines dänisch-deutschen Eltern­paars, ist solch ein Hand­stre­ich gelun­gen. In Däne­mark aufgewach­sen, studierte er Klavier in Kopen­hagen und Köln. Der kom­pos­i­torische Durch­bruch gelang ihm 2001, als sein von grön­ländis­chem Trom­melge­sang inspiri­ertes Konz­ert­stück Qilaater­sorneq für Vio­line und Orch­ester den ersten Preis des Brüs­sel­er Köni­gin Elis­a­beth Wet­tbe­werbs errang. 2006 hob das Sym­phonieorch­ester Odense seine erste Sym­phonie aus der Taufe. 2011 spielte das Dan­ish Horn Trio sein 2007 geschriebenes Horn­trio bei Dacapo ein. Ein Jahr zuvor schon wählte ihn das Sin­fonieorch­ester des Dänis­chen Rund­funks für drei Spielzeit­en zum «Com­pos­er in res­i­dence» – eine Ausze­ich­nung, die es in sein­er 85-jähri­gen Geschichte über­haupt zum ersten Mal vergab.
«Meine Kom­pon­is­ten­gener­a­tion bren­nt darauf, mit dem Pub­likum zu kom­mu­nizieren», erk­lärt Eich­berg, als hätte sich die alte Garde aus­nahm­s­los als Bürg­er­schreck aufge­führt. «Wir sind nicht darauf aus, die Leute zu belehren. Wir wollen nur gute Musik machen, vor der sich die Hör­er nicht die Ohren zuhal­ten müssen.» So ein­fach ist das also. Etwas zu sim­pel, um wahr zu sein?
Eich­bergs erste Sym­phonie von 2006 trägt einen Sturm-und-Drang-Titel vor sich her: Stürzten wir uns in Feuer. Die Worte entstam­men dem Buch Das Jesus-Evan­geli­um des por­tugiesis­chen Nobel­preisträgers José Sara­m­a­go. Dessen magis­che Vision ein­er Men­schheit, die «nach Flam­men­tod sich sehnet», traf den jun­gen Kom­pon­is­ten wie ein Erken­nt­nis­blitz – in einem Augen­blick, «da Europa aufs Neue einen Angriff­skrieg führte und die poli­tis­chen Strö­mungen, die es sechzig Jahre zuvor in Trüm­mer gelegt hat­ten, wieder den Vor­marsch antrat­en.» Entsprechend gewalt­sam dröh­nt die von Pauken- und Trom­me­lat­tack­en zer­rüt­tete Sym­phonie, gegen die sich Nielsens Vierte wie ein ele­mentares Beken­nt­nis zum Leben aus­nimmt. Einzig im zweit­en Satz wagen sich lyrisch aufgelichtete Momente vor.
Die 2008 bis 2010 ent­standene Sin­fonie Nr. 2 Before Heav­en, Before Earth zehrt von Ideen, die den Kom­pon­is­ten während eines Stipen­di­en­aufen­thalts in Ital­ien überka­men – und zudem in ein Dop­pelkonz­ert, eine Oper und ein Orch­ester­stück für das Ensem­ble Mod­ern eingin­gen: In Cir­cles. Ziehen seine Gedanken hier eher rast­lose, flüchtige Krei­se, wirkt das Ton­ma­te­r­i­al in der Sym­phonie stärk­er durchgear­beit­et. Einem the­ma­tis­chen Kon­trast­paar entsprin­gend, zeich­net sich das klas­sis­che Mod­ell Haupt­satz – langsamer Satz – Finale ab, doch ohne Satz­pausen. Wie ehe­dem wird die anfängliche The­men-Expo­si­tion wieder­holt. Das ein­lei­t­ende ad libi­tum der Stre­ich­er taucht am Werk­ende in neuem Licht wieder auf. Der Werk­ti­tel entstammt einem Vers des chi­ne­sis­chen Weisen Lao-tse.
Christoph Pop­pen führt das Sin­fonieorch­ester des Dänis­chen Rund­funks sendungs­be­wusst durch die urwüch­si­gen, bild­kräfti­gen, tonal geerde­ten Erzäh­lland­schaften Eichbergs.

Lutz Lesle