Maderna, Bruno

Complete Works for Orchestra Vol. 5

Verlag/Label: NEOS 10937
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/01 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Der Beginn von Bruno Mader­nas Vio­linkonz­ert (1969) ist ungewöhn­lich: Harsche Klänge und polyphon ineinan­der ver­schachtelte Melodielin­ien bes­tim­men das Klang­bild, cho­risch nach einzel­nen Instru­menten­fam­i­lien organ­isiert über­lagern sich die Aktio­nen der Klangerzeuger zu einem vielschichti­gen Satz­bild, das sich immer weit­er verdichtet und von zahlre­ichen Frag­menten aus Mader­nas Orch­ester­w­erken der 1960er Jahre durch­drun­gen ist. Arturo Tamayo formt – unter­stützt sowohl von ei­nem glänzend disponierten hr-Sin­fonieorch­ester als auch von der bril­lanten Ton­tech­nik der Ein­spielung – die ersten dreiein­halb Minuten zu einem plas­tis­chen, sich auf­grund der jew­eils in den Vorder­grund drän­gen­den Schicht­en und ihrer Gestal­tung auf Mikroebene ständig verän­dern­den Gebilde. Wenn das Orch­ester dann plöt­zlich abbricht und nach ein­er Gen­er­al­pause Thomas Zehet­mair mit ein­er weit aus­greifend­en Kadenz ein­set­zt, kann man einen unge­mein dif­feren­zierten Zugang zu dieser Kom­po­si­tion erleben: Wie der Geiger gle­ich den ersten Klang aufraut und anschwellen lässt, wie er daran anknüpfend die musikalis­chen Gedanken und Fig­u­ra­tio­nen weit­er­spin­nt, den Ton­raum Schritt für Schritt erschließt und seinen dif­fizilen Part bis in die fein­sten Verästelun­gen der Mu­sik hinein gestal­tet, hat große Klasse.
Extrem sel­ten aufge­führt, gehört Mader­nas Vio­linkonz­ert – wohl auch auf­grund sein­er hohen Anforderun­gen an den Solis­ten – zu den großen unbekan­nten Werken der jün­geren Gat­tungs­geschichte. Und tat­säch­lich hat das Stück jen­seits des immer wieder insze­nierten Aufeinan­der­pralls zwis­chen solis­tis­chem Indi­vidu­um und klan­glich raf­finiert gegliedert­er Masse viel Ungewöhn­lich­es zu bieten. Unter den Hän­den der Inter­pre­ten wird es zu ein­er Art imag­inärem The­ater geformt, in dem der melodis­che Fluss des solis­tis­chen Haupt­darstellers immer wieder vehe­ment durch musikalis­che Inter­ven­tio­nen des Orch­esters unter­brochen wird oder sein Spiel sich mit dem Vor­trag einzel­ner Orch­ester­musik­er zu ei­nem kam­mer­musikalisch gewobe­nen Klangstrang voller irisieren­der Momente vereinigt.
Ganz anders, aber bezüglich der musikalis­chen Umset­zung nicht weniger fes­sel­nd ist das kürzere Klavierkonz­ert (1959), das auf­grund ein­er noch weitaus stärk­er in den Vorder­grund tre­tenden rhap­sodis­chen Hal­tung gewisse Berührungspunk­te mit dem zehn Jahre jün­geren Werk aufweist. Markus Bell­heims Vor­trag, den Flügel und dessen klan­gliche Möglichkeit­en vom Ertas­ten melodis­ch­er Lin­ien bis hin zu den perkus­siv­en Wirkun­gen von Klavier­rah­men oder ‑innen­raum aus­reizend, lässt wie der­jenige Zehet­mairs eine Aufladung der Musik durch the­atrale Ele­mente spüren, was dem Werk ein sehr plas­tis­ches Pro­fil ver­lei­ht. Klar, pointiert und stel­len­weise über­raschend heit­er wirkt wiederum Tamayos Umset­zung der mit aleatorischen Anweisun­gen angere­icherten Partitur.
Trotz ein­er Spiel­d­auer von nur knapp fün­fzig Minuten markiert diese nun­mehr fün­fte Pro­duk­tion aus der Rei­he mit Mader­nas Orch­ester­w­erken einen wichti­gen disko­grafis­chen Höhepunkt.

Ste­fan Drees