Neuenfels, Hans

Das Bastardbuch

Autobiographische Stationen

Verlag/Label: Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München 2011
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 91

In einem Inter­view wurde Hans Neuen­fels ein­mal gefragt: «Schreibt man sich sein Leben als Auto­bi­ograf eigentlich schön?» Neuen­fels, dessen Name von manch nach­haltig ver­störtem Zeitgenossen syn­onym mit dem Wort «Skan­dal» geset­zt wird, antwortete so poet­isch wie weise: «Die Gestal­tung von Tex­ten, Fig­uren, Szenen war für mich immer exis­ten­ziell. Das Schreiben wie das Insze­nieren sind für mich Auswege aus allem Falschen und Vor­getäuscht­en. Ohne die Kun­st hätte es mich nicht gegeben.»
Schöngeschrieben im Sinne von Beschöni­gung hat sich Neuen­fels seine Lebenserzäh­lung nicht. Der Unter­ti­tel ist so ernst zu nehmen wie der Haupt­ti­tel. Denn der selb­st erk­lärte «Bas­tard», der aus einem nicht beson­ders war­men, aber kün­st­lerisch rege inter­essierten bürg­er­lichen Fam­i­li­ennest kopfüber in die The­ater­welt stürzt – Schu­bert hätte wohl von einem geschrieben, der fremd ein- und aus­ge­zo­gen ist – erzählt nicht nur artig chro­nol­o­gisch. Neuen­fels’ kün­st­lerisches Lebenselix­i­er ist das Assozia­tive. Um das Ana­lytis­che im wis­senschaftlich sys­tem­a­tis­chen Sinn macht der «Bas­tard» Neuen­fels daher einen weit­en Bogen, auch in seinen Lebenserin­nerun­gen. Den­noch beschreibt Neuen­fels seine Fasz­i­na­tion für die Psy­cho­analyse als Triebfed­er: Ihr, so sagt er an ein­er Stelle, «ver­danken meine The­at­er­ar­beit­en viel, und das bedeutet: ich ihr eben­falls. Aber auch wenn ich gierig die Büch­er las […], ich werde nie eine Analyse machen. Es ist wed­er Scham noch Angst, son­dern die Gewis­sheit, dass ich son­st das Spiel ver­liere und das qualvolle Aushal­ten von Sit­u­a­tio­nen falsch beende.»
Und so ist diese Auto­bi­ografie real­is­tis­ches Abbild und Kunst­werk zugle­ich; Abbild biografis­ch­er Sta­tio­nen, von der Zeit­geschichte in Gang geset­zt und wiederum Zeit­geschichte, The­atergeschichte zumin­d­est, in Gang set­zend. Die Neuenfels’sche The­ater­bi­ografie begin­nt im Grunde mit dem Tage­buch-Notat: «Ich bin neun und neugierig und heiße Neuen­fels.» 1959 veröf­fentlicht der 18-Jährige seinen ersten Gedicht­band. Neuen­fels erlebt dieses Schreiben als drän­gende Suche, die in dem einen Jahr, das der bren­nend Neugierige später als Assis­tent von Max Ernst in Paris ver­bringt, eine entschei­dende Wende erfährt. Neuen­fels ent­deckt Ver­di für sich und irgend­wie auch sein Leben­sziel: «‹Ich will das deutsche Wesen ler­nen›, murmelte ich, ‹aber nicht von der Pike auf, nicht vom Stech­schritt her, nicht von den Preußen, eher von den Kobold­en, von Novalis und den Melusi­nen.›»
Wie sich dieses Ler­nen ereignet, das eng ver­flocht­en ist mit der Lebens- und Kun­st­part­ner­in Elis­a­beth Tris­se­nar, gießt Neuen­fels in Texte, die for­mal kaum je ein­deutig zuzuord­nen sind. Auch wenn dieses Buch bisweilen in seinem lustvoll erzäh­len­den Habi­tus ins Geschwätzige abzu­gleit­en dro­ht, ist es doch das vitale Doku­ment eines The­ater­regis­seurs, der sich auf der Opern­bühne über den kün­st­lerischen Um­weg let­zten Endes doch an die selb­st benan­nte Tabu­zone der Psy­cho­analyse wagt. Musik­er und Musik­wis­senschaftler wer­den in Hans Neuen­fels’ Ret­ro­spek­tive sich­er keine verbindlichen Konzepte find­en. Denn sie ist nun mal das Buch eines sin­gulären, man­is­chen The­ater­men­schen. Es ist ein Buch über einen Kün­stler, dessen Natur es ist, Leute vom Ses­sel zu scheuchen. Es ist ein Buch über ein ful­mi­nantes Stück deutsch­er Musik-The­ater-Geschichte, illus­tri­ert mit einem aus­gewählten Bildteil, ergänzt durch ein aus­führlich­es Werkverze­ich­nis.

Annette Eck­er­le