Der Taktstock

Dokumentarfilm von Michael Wende | 65 min.

Verlag/Label: BelAiredition 10127
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/01 , Seite 76

Musik­wet­tbe­werbe sind meist eben­so spek­takulär wie prob­lema­tisch. Die Span­nung steigt mit jedem Durch­gang, die Emo­tio­nen gehen hoch, und im Pub­likum wer­den die Entschei­dun­gen der Jury oft hitziger disku­tiert als in dieser selb­st. Ein Musik­wet­tbe­werb ist eben anders als ein 100-Meter-Lauf, wo sich der Sieger zen­time­ter­ge­nau bes­tim­men lässt. Dies gilt erst recht für einen Dirigier­wet­tbe­werb, wo es nicht ein­mal auf richtige und falsche Noten ankommt. Der Sub­jek­tiv­ität sind Tür und Tor geöffnet, und es stellen sich eine Menge Fragen.
Ihnen geht der Film nach, den Michael Wende beim Gus­tav-Mahler-Diri­gen­ten­wet­tbe­werb in Bam­berg 2010 gedreht hat. Zu den Wet­tbe­werb­sstück­en gehörten neben der vierten Sin­fonie und eini­gen «Wunderhorn»-Liedern von Mahler Werke von Haydn, Webern, Pintsch­er und Wid­mann. Zwölf Teil­nehmer aus neun Län­dern stell­ten ihr Kön­nen unter Beweis und liefer­ten mit ihrer Arbeit den Stoff für eine lehrre­iche Unter­suchung der alles entschei­den­den Frage: Wie muss der Diri­gent seine Bewe­gun­gen gestal­ten, damit die Musik­er seine Vorstel­lun­gen ver­ste­hen und das Werk seine spez­i­fis­che Form erhält? Oder, nach den Worten von Jurymit­glied Matthias Pintsch­er: Wie funk­tion­iert dieser Kom­mu­nika­tion­sprozess, diese «Über­set­zung über das Instru­ment des Orch­esters zu einem Publikum»?
Da gibt es ein­mal die Tech­nik der Zeichenge­bung, bei der es auf die Zweck­mäßigkeit der Bewe­gun­gen ankommt: Genauigkeit, Ein­deutigkeit und das Weglassen aller über­flüs­si­gen Gesten. Das lässt sich zu einem gewis­sen Grad objek­tivieren. Doch Kör­per­sprache ist nicht nur Tech­nik: Auf dem Podi­um ste­ht immer der konkrete Men­sch, der neben seinen ana­lytis­chen Ken­nt­nis­sen der Par­ti­tur auch seine indi­vidu­ellen Gefüh­le in die Bewe­gun­gen ein­fließen lässt – spon­tan, momen­thaft und unko­r­rigier­bar. Deshalb, sagt Jonathan Nott, Chef der Bam­berg­er Sym­phoniker und Vor­sitzen­der der Jury, kann man bei der Beurteilung eines Diri­gen­ten nicht ein­fach wie am Com­put­er Kästchen mit Ja oder Nein anklick­en – es bleibt ein ratio­nal schw­er erfass­bar­er Rest. Um ihn zu fassen, scheut sich Nott nicht, von der «Magie des Dirigierens» zu sprechen. Der Gewin­ner des Wet­tbe­werbs, der Lette Ainars Rubikis, drückt es so aus: «Die meis­ten Men­schen erken­nen gar nicht, welche Macht in der Musik steckt – in guter und in schlechter.»
Je länger der Film dauert, desto mehr rückt dieser «Rest» ins Blick­feld, und desto deut­lich­er wird, dass er let­ztlich der Garant für eine lebendi­ge Kom­mu­nika­tion zwis­chen Diri­gent, Orch­ester und Pub­likum und damit für eine gelun­gene Auf­führung ist. Tech­nik ist bloß eine wichtige Voraus­set­zung, um diesen kreativ­en Prozess in Gang zu set­zen. Unter diesem Aspekt erweist sich der Bam­berg­er Wet­tbe­werb als gen­uines Kon­trast­pro­gramm zu den Dirigierkursen von Pierre Boulez in Luzern, die sich strikt auf die ana­lytis­chen und handw­erk­lichen Seit­en des Dirigierens beschränken und den «Rest» bewusst ausklammern.
Mit Konz­er­tauf­nah­men aus den let­zten Durchgän­gen des Wet­tbe­werbs, mit Inter­views mit den Juroren und vor allem mit den Teil­nehmern selb­st gelingt es dem Film, diese begrif­flich schw­er zu fassenden Vorgänge darzustellen. Back­stage-Auf­nah­men geben einen Ein­blick in die adren­a­lingeschwängerte Atmo­sphäre des Wet­tbe­werbs, und wenn am Schluss der Favorit zum entschei­den­den Diri­gat aufs Podi­um hin­aus­tritt, fiebert man unwillkür­lich mit.
Die Ani­ma­tion­sze­ich­nun­gen mit den Kom­mentaren aus dem Off sind eine hüb­sche Idee, lenken mit ihrem humori­gen Päd­a­gogisieren manch­mal aber auch vom Geschehen auf und hin­ter der Bühne ab. Auch die Spe­cial Effects wirken in ihrer Ver­spieltheit gele­gentlich etwas selb­stzweck­haft. Dafür muss man sich die Namen der Kan­di­datin­nen und Kan­di­dat­en müh­sam zusam­men­su­chen. Durch die Ver­mis­chung der Gen­res Doku­men­ta­tion und Ani­ma­tion soll offen­bar ein Pub­likum ange­sprochen wer­den, das sich solchen anspruchsvollen The­men gerne auf unter­hal­tende Weise nähert. Was nicht ganz ohne Tück­en ist, denn damit kann man auch schnell zwis­chen den Stühlen lan­den. Das wäre diesem Film nicht zu wün­schen, wartet er doch auch ohne äußere Zugaben mit span­nen­den Blick­en hin­ter die Kulis­sen und Erken­nt­nis­sen über die Psy­cholo­gie des Dirigierens auf.

Max Nyffeler