Lehmann, Harry

Die digitale Revolution der Musik

Eine Musikphilosophie

Verlag/Label: Schott Music (edition neue zeitschrift für musik), Mainz 2012 | 150 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/01 , Seite 91

Man­gel­nde Ambi­tion kann man dem 47-jähri­gen Physik­er und Philosophen Har­ry Lehmann nun wirk­lich nicht vor­w­er­fen. In sein­er nur 150 Seit­en knap­pen Musikphiloso­phie «Die dig­i­tale Rev­o­lu­tion der Musik» leis­tet er nicht nur eine durch­drin­gende Analyse der gegen­wär­ti­gen Sit­u­a­tion der Neuen Mu­sik unter sozi­ol­o­gis­chen, his­torischen und ästhetis­chen Gesicht­spunk­ten, er schlägt dem Genre auch gle­ich vor, wie es sich aus sein­er gesellschaftlichen Rand­stel­lung befreien kön­nte. Sein Zauber­wort heißt «Gehalt­säs­thetik» und meint nichts anderes als eine Zuwen­dung der Kom­pon­istIn­nen Neuer Mu­sik zur Kom­plex­ität real­er gesellschaftlich­er Gegen­wart, die sich eben nicht «automa­tisch» in der Kom­plex­ität autonomer musikalis­ch­er Struk­turen wider­spiegele, son­dern erst müh­sam durch intel­li­gente Konzep­tu­al­isierung des mu­sikalischen Mate­ri­als (rück-)erobert wer­den müsse.
Sowohl die Nachkriegsa­vant­garde als auch deren Erben wer­den ein­er nüchter­nen, argu­men­ta­tiv stets nachvol­lziehbaren Kri­tik unter­zo­gen, die den Anachro­nis­mus bzw. die intellek­tuelle Inkon­sis­tenz dieser Entwürfe überzeu­gend aufzeigt. Stilis­tisch unter­schei­det dies Lehmanns Buch wohltuend von anderen Musikphiloso­phien, etwa Adornos «Philoso­phie der neuen Musik» aus dem Jahre 1949 oder Albrecht Wellmers 2009 erschienen­em «Ver­such über Sprache und Musik». Bezog Adorno sein The­o­riebesteck noch von Philosophen des 18. Jahrhun­derts (Kant, Hegel), hat­te sich sein Schüler Wellmer immer­hin schon zu Wittgen­steins Sprach­philoso­phie des frühen 20. Jahrhun­derts vorgear­beit­et. Lehmann hinge­gen stützt sich furcht­los auf die sozi­ol­o­gis­che Sys­temthe­o­rie Niklas Luh­manns sowie die post­struk­tu­ral­is­tis­che Dis­pos­i­tiv-Analyse Michel Fou­caults, durch­leuchtet also die Mu­sik des 20. Jahrhun­derts mit The­o­riewis­sen aus deren eigen­er Entstehungszeit.
Seine Ker­naus­sage ist, dass die Musik­tech­nolo­gien des 21. Jahrhun­derts – also sam­ple-basierte virtuelle Orch­ester, algo­rith­mis­che Kom­po­si­tion­ssoft­ware, frei zugängliche hochw­er­tige Klan­garchive und «mit­denk­ende» Nota­tion­spro­gramme – ganz allmäh­lich die insti­tu­tionellen Rah­menbe­din­gun­gen auch der Neuen Musik verän­dern wer­den, was auf deren Selb­stver­ständ­nis nach­haltige Auswirkun­gen haben wird. Sie wird gezwun­gen sein, sich neu zu erfind­en, da die immer noch prä­gen­den Rah­menbe­din­gun­gen ihrer Entste­hungszeit, also die 1950er Jahre, immer weniger geeignet sind, kün­st­lerische Prob­lem­la­gen des 21. Jahrhun­derts insti­tu­tionell und ästhetisch angemessen zu bewälti­gen. So wird sich die Neue Musik nicht nur «ent-insti­tu­tion­al­isieren» und «demokratisieren», ihre Akteure wer­den sich auch zu entschei­den haben zwis­chen einem sich in «schlechter Unendlichkeit» (Hegel) ver­lieren­dem Tra­di­tions-Mod­ernismus à la Lachen­mann bzw. Mahnkopf oder eben ein­er durch­dacht konzep­tu­al­isierten, run­derneuerten Neu­en Musik, die die spez­i­fis­chen Frei­heit­en des 21. Jahrhun­derts nicht nur kul­turpes­simistisch als Ori­en­tierungs- und Niveau­ver­lust zu kom­mu­nizieren weiß, son­dern als offe­nen, noch weit­ge­hend unmarkierten musikalis­chen Möglichkeit­sraum. Erste Ansätze zu ein­er solchen «rela­tionalen» (und eben nicht «absoluten») Neuen Musik sieht Lehmann im Schaf­fen Johannes Krei­dlers, der heuer den Kranich­stein­er Musikpreis gewann.

Ste­fan Hetzel