Reinhard Kager

Die Kraft der Verwandlung

Zur spektakulären Uraufführung von Olga Neuwirths «Orlando» an der Wiener Staatsoper

erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 1/2020 , Seite 62

"... gelingt es Neuwirth […] heutige Machtstrukturen begreifbar zu machen. Wie treffsicher dieser Ansatz war, zeigte sich nach der Uraufführung, als die karikierende Verwendung des Kirchenlieds «Danke für diesen guten Morgen» von Martin Gotthard Schneider auf Betreiben der Erben des Komponisten gerichtlich untersagt wurde. Die Botschaft ist angekommen." (Reinhard Kager)

Unruhig wälzt sich Orlan­do auf seinem Bett. Erstes Liebesleid quält den jun­gen Mann, den die junge Russin Sasha (Agne­ta Eichen­holz) ger­ade ver­lassen hat. Langsam zoomt die Kam­era her­an und pro­jiziert das schmerz­er­füllte Gesicht Orlan­dos auf meter­ho­he Videopa­neele. Plöt­zlich begin­nt sich das Porträt zu teilen, die Paneele wer­den gekippt, und die Gesichts­frag­mente mutieren zu ein­er Vul­va – Orlan­do ist zu ein­er Frau gewor­den.
Bere­its 1928 schuf Vir­ginia Woolf mit ihrem Orlan­do im gle­ich­nami­gen, als Biografie getarn­ten Roman eine traumtänz­erisch durch Jahrhun­derte wan­del­nde, alter­s­los-androg­y­ne Per­son, die zahlre­iche Iden­titätswech­sel durch­lebt, ehe sie sich am Ende über ihre igno­rante Umwelt hin­wegset­zt und zu dem ste­ht, was sie ist: eine hochtal­en­tierte selb­st­ständi­ge Dich­terin.
Im Auf­trag der Wiener Staat­sop­er hat die öster­re­ichis­che Kom­pon­istin Olga Neu­wirth den Stoff in ihrem Musik­the­ater Orlan­do aufge­grif­f­en und in Koop­er­a­tion mit der Autorin Cather­ine Fil­loux bis in unsere Gegen­wart (in Englisch) fort­geschrieben. Musikalisch bedi­ent sich Neuwirth angesichts der Jahrhun­dertreise ihrer Titelfig­ur, die die vir­il-dun­kle Mez­zoso­pranistin Kate Lind­sey beein­druck­end verkör­pert, ver­schieden­er musikalis­ch­er Sprachen.
Frag­mente aus barock­en Madri­galen und Chorälen wer­den anfänglich zitiert, auch volksmusikalis­che Weisen blitzen auf, bis am Ende durch eine ver­stärk­te Band Anklänge an die heutige Rock­musik laut wer­den. Und doch gibt es in all dieser bun­ten Het­ero­gen­ität ein verbinden­des Ele­ment: den Orch­ester­satz, mit dem nicht nur die his­torischen Allu­sio­nen, son­dern auch die gesproch­enen Pas­sagen der neu­tral kom­men­tieren­den Erzäh­lerin (Anna Clemen­ti) unter­legt wer­den.
Matthias Pintsch­er am Pult, selb­st ein­er der renom­miertesten Kom­pon­is­ten der Gegen­wart, ermutigt das Orch­ester der Wiener Staat­sop­er dazu, aus­nahm­sweise ein­mal so richtig «schmutzig» zu spie­len. Bere­its das Instru­men­tar­i­um, das Neuwirth vorgibt, erweit­ert den üblichen phil­har­monis­chen Sound: Neben drei großen Perkus­sion­s­sets kom­men im Graben ein Alt­sax­o­fon, ein Sam­pler, zwei Syn­the­siz­er und eine E-Gitarre zum Ein­satz, deren Sait­en überdies um sechzig Cent höher ges­timmt sind. Im Gegen­zug müssen sämtliche zweit­en Geigen um sechzig Cent tiefer ges­timmt wer­den als üblich. Und so legt sich über all die his­torischen Bezüge stets eine Art schmutzige Schicht unser­er düsteren Gegen­wart.
Es ist diese Mis­chung aus kri­tis­chem Ernst und beißen­der Ironie, die den Abend auch szenisch so span­nend macht. Regis­seurin Pol­ly Gra­ham, erst Mitte Okto­ber für Karo­line Gru­ber einge­sprun­gen, und Büh­nen­bild­ner Roy Spahn spie­len dabei nur eher unter­ge­ord­nete Rollen. Denn die Szene dominieren die auf sechs riesige Paneele pro­jizierten Videos von Will Duke. Auf ihnen zeigt der Kün­stler zunächst schöne Natur­land­schaften: Hügel­land mit Bäu­men, ein Win­ter­szenario mit einem vereis­ten See. Aber auch his­torische Innen­räume, wie den mit flack­ern­den Kerzen stil­isierten Hof Eliz­a­beth I., wo Neuwirth die von einem Guardian Angel (Eric Jure­nas) begleit­ete Zeitreise Orlan­dos begin­nen lässt.
Dadurch dass nur sel­ten eine geschlossene Video-Wand zu sehen ist, weil die Ele­mente beständig ver­schoben wer­den und das Gezeigte somit ähn­lich frag­men­tiert wird wie Neuwirths Musik, erhält das Szenario einen brüchi­gen Abstrak­tion­s­grad, wodurch die Bilder nie platt wirken. Sog­ar dann, als sich die schö­nen Natur­land­schaften durch Mor­ph­ing-Prozesse allmäh­lich in Wüsten ver­wan­deln – und so­mit die heutige Kli­makatas­tro­phe präsent wird – oder Fil­mauss­chnitte aus den bei­den Weltkriegen mit all ihrer Zer­störungskraft zu sehen sind.
Durch dieses Chang­ieren zwis­chen Satire und tiefer Bedeu­tung ergänzt das – durch groteske Kostüme von Comme des Garçons vol­lends über­bor­dende – Szenario Neuwirths Musik auf das Tre­f­flich­ste. Und führt auch zum eigentlich Kern der Erzäh­lung: Durch den Geschlechter­tausch kann Orlan­do schla­gar­tig den ver­heeren­den Ver­lauf der Men­schheits­geschichte als Resul­tat patri­ar­chalis­ch­er Herrschaftsstruk­turen begreifen.
Auch wenn im zweit­en Teil des dreistündi­gen Abends allzu viele Prob­lem­zo­nen der Gegen­wart bloß angetippt wer­den und das Stück im Finale hör­bare Län­gen besitzt, gelingt es Neuwirth durch diesen Per­spek­tiven­wech­sel heutige Macht­struk­turen begreif­bar zu machen. Wie tre­ff­sich­er dieser Ansatz war, zeigte sich nach der
Urauf­führung, als die karikierende Ver­wen­dung des Kirchen­lieds «Danke für diesen guten Mor­gen» von Mar­tin Got­thard Schnei­der auf Betreiben der Erben des Kom­pon­is­ten gerichtlich unter­sagt wurde. Die Botschaft ist angekom­men.

Rein­hard Kager