Janácek, Leoš

Die Sache Makropulos

Eine Produktion der Salzburger Festspiele 2011 | 118 min.

Verlag/Label: C-major 709604 (Blu-ray), 709508 (DVD)
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/02 , Seite 79

Der Regis­seur Christoph Marthaler liebt die philosophisch ange­hauchte Komik, und bei Leoš Janáceks Oper «Die Sache Makrop­u­los» ist er wieder ein­mal fündig gewor­den. Das 1926 in Brünn uraufge­führte Spätwerk basiert auf ein­er Komödie von Janáceks Lands­mann Karel Capek, Autor von utopis­chen Roma­nen. In dem dialo­gre­ichen Stück geht es um eine ver­wick­elte Erb­schaft­san­gele­gen­heit, in deren Zen­trum die Sän­gerin Emil­ia Mar­ty ste­ht. Zum Erstaunen aller ken­nt sie die jahrhun­der­tal­ten Schrift­stücke, die über das Erbe Auskun­ft geben, und am Schluss kommt her­aus, dass sie die 337 Jahre alte Eli­na Makrop­u­los ist, Tochter des Leibarztes von Kaiser Rudolf II. Auf­grund eines lebensver­längern­den Elix­iers, das ihr der Vater probe­weise verabre­icht hat­te, kon­nte sie nicht mehr ster­ben, und erst als sie das Doku­ment mit der Formel wieder in die Hände bekommt, kann sie Abschied von ihrem unerträglichen zeit­losen Dasein nehmen. Emilia/Elina ist die weib­liche Gegen­fig­ur zum Fliegen­den Hol­län­der, nur antiro­man­tisch, denn hier wird nicht durch Liebe erlöst, son­dern durch die Annul­lierung ein­er alchemistis­chen Formel.
Eine leicht gespen­stis­che Seite ist dieser Dial­o­gop­er trotz ihrer komis­chen Ele­mente nicht abzus­prechen. Marthaler macht daraus aber keine schwarze Komödie, son­dern stellt einen zutief­st men­schlichen Aspekt der intri­gen­re­ichen Geschichte ins Zent­rum: die Lebens­blind­heit der im täglichen Getriebe gefan­genen Men­schen, die erst im Moment, da sie der zeitüber­dauern­den Exis­tenz der Emil­ia Mar­ty gewahr wer­den, zur Besin­nung kom­men. Am Schluss dominiert ein ver­söhn­lich­er Ton­fall. Anna Vie­brock hat für Marthaler eine große, weite Büh­ne­nar­chitek­tur geschaf­fen, die ein Interieur mit weit­en Durch­blick­en, Gän­gen und Abstu­fun­gen darstellt. Es bietet Platz für par­al­lel ablaufende Neben­hand­lun­gen, mit denen die Zeitüber­lagerun­gen und
‑ver­schlingungen des Haupt­geschehens alle­gorienhaft kom­men­tiert wer­den. Einige Sta­tis­ten und kleine Rollen stellen gegen­wär­tige Men­schen mit ihren alltäglichen kleinen Gesten dar und rück­en das Geschehen damit ganz nah an unsere heuti­gen Ver­hal­tensweisen und Empfind­un­gen her­an. Die sur­reale Fik­tion wird in eine wun­der­liche Gegen­wart über­set­zt, Real­ität und Irre­al­ität durch­drin­gen sich auf behut­same Weise.
Angela Denoke ist die über­ra­gende Haupt­darstel­lerin. Sie zieht die Fäden des Geschehens erst unauf­fäl­lig, dann auf im­mer dom­i­nan­tere Weise und macht auch stimm­lich eine her­aus­ra­gende Fig­ur. Auch die anderen Rollen sind erstk­las­sig beset­zt, und zusam­men mit den Wiener Phil­har­monikern sorgt Esa-Pekka Salo­nen für ein grandios­es Auf­blühen der far­ben­re­ichen Musik. Die Bil­dregie von Hannes Rossach­er beobachtet das Geschehen mit unauf­fäl­liger Präzi­sion. Eine bessere Aufze­ich­nung dieses sel­ten gespiel­ten Meis­ter­w­erks der Mod­erne ist gegen­wär­tig nicht denkbar.

Max Nyffeler