Reich, Steve

Different Trains

Triple Quartet | Piano Counterpoint | Different Trains

Verlag/Label: EMI Classics 5099908731920
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 83

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Für die einen ist die Musik von Steve Reich schon Pop, für die anderen fir­miert der mit­tler­weile 75-Jährige als mod­ern­er Klas­sik­er. Die eine wie die andere Posi­tion ver­stellt jedoch den Blick auf die Eck­en und Kan­ten, die Reich sein­er Musik in bester musikphilosophis­ch­er Absicht zuge­fügt hat. Allerd­ings: Reich, der die Tech­nik des stilis­tis­chen Sam­plings und Remix­ings kul­tiviert, lässt es ja auch wieder zu, dass von sein­er Musik ein­mal eher die glat­te, pop­ulis­tis­che Ober­fläche, dann wieder eher die schrundi­ge, ver­let­zliche Seite gezeigt wird. Was seine Musik jedoch nicht zulässt, ist tech­nis­che Schlam­perei. Für Reich gilt die Regel: Präzi­sion ist nicht alles, aber ohne Präzi­sion ist alles nichts.
Die vor­liegende Auf­nahme, einge­spielt von The Lon­don Steve Reich Ensem­ble mit seinem Leit­er Kevin Grif­fiths mag dafür im besten Sinne als exem­plar­isch gel­ten. In der Tat wird man «Triple Quar­tet» (1998) mit seinen drei Sätzen, die, schlicht mit «Move­ment I-III» über­schrieben, for­mal ganz klas­sisch in der Rei­hen­folge schnell-langsam-schnell angelegt sind, so bald nicht wieder mit so viel melodiös­er Gra­zie hören. Hier ver­ste­ht man, wie nah mit dem Ohr an Bach diese Musik kom­poniert ist, obwohl Reich angibt, die spez­i­fis­che Energie von Bartóks viertem Stre­ichquar­tett sei für ihn Impuls und intellek­tuelle Basis der Kom­po­si­tion gewe­sen. Überdies, so Reich, enthalte die Musik Spuren sein­er Beschäf­ti­gung mit den Werken Alfred Schnit­tkes und Michael Gor­dons «Yo Shake­speare». Das Beson­dere an der Inter­pre­ta­tion des Lon­don Steve Reich Ensem­ble, hier in drei Stre­ichquar­tette aufgeteilt, ist die Exak­theit, mit der diese Ver­ket­tung stilis­tis­ch­er Momen­tauf­nah­men ein­er­seits kühl ana­lytisch betont wird, ander­er­seits den­noch zu einem hin­reißend schön irisieren­den Klange­maille ver­schmilzt.
Dra­matur­gisch klug disponiert fol­gt darauf «Piano Coun­ter­point» (2011), ein neues Arrange­ment der Kom­po­si­tion «Six Pianos» (1973), für die Vin­cent Corv­er in die Par­ti­tur einge­grif­f­en hat mit dem Ziel, die Posi­tion des Soloparts stärk­er zu beto­nen. Begleit­et respek­tive kon­fron­tiert wird der Pianist dabei mit bis zu zwölf Ton­spuren. Ziel: Mit dem Mit­tel der Phasen­ver­schiebung soll der kon­tra­punk­tis­che Over­flow erre­icht wer­den. Am Rande erin­nert das an die «Stud­ies for Play­er Piano» Con­lon Nan­car­rows, aber nur am Rande. Denn im Vorder­grund ste­ht der rhyth­mis­che, nicht der tonale Kon­tra­punkt. Im Hör­fokus befind­et sich die Gle­ichzeit­igkeit des ungle­ichzeit­i­gen Metrums.
Neben diesen Kom­po­si­tio­nen, in denen Reich rein ästhetisch ohne außer­musikalis­chen Impuls oder Inhalt arbeit­ete, ste­ht «Dif­fer­ent trains» (1988) mit seinen drei Sätzen «Amer­i­ca, Before the War», «Europe, Dur­ing the War» und «After the War». Die Sound­col­la­gen aus Zug­geräuschen, imi­tieren­dem Orch­ester­sound sowie Sprach­fet­zen von All­t­agstriv­i­al­ität und bek­lem­mend drastis­chem Text­ma­te­r­i­al aus den Ver­nich­tungszü­gen der Nazis spielt das Lon­don Steve Reich Ensem­ble nicht ein­fach als Musik, es macht daraus ganz großes Hörki­no.

Annette Eck­er­le