Beimel, Thomas

ding / dong

Verlag/Label: Valve Records, Edition Unerhört, Valve # 3987
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 2

Ganz unter­schiedliche Werke vere­inigte Thomas Beimel unter der Über­schrift «ding / dong». Das Titel­stück wird der lap­i­daren Beze­ich­nung lei­der denn auch mehr als gerecht, han­delt es sich doch um eine eben­so gefäl­lige wie belan­glose Chorkom­po­si­tion – als hätte Beimel auf seinen (welt-) musikalis­chen Streifzü­gen aus­gerech­net die abendländis­che Chor­tra­di­tion als pseudomed­i­ta­tiv­en Singsang dif­famieren wol­len. Aufhorchen lässt dage­gen «estampie», in dem, gespielt vom Duo Sei­den­Strasse, mit Guzheng und Marim­ba zwei sich frem­dar­tig gegenüberstehen­de Instru­mente zu frucht­bar­er Kom­mu­nika­tion find­en.
Aber es kommt noch bess­er: Die wom­öglich früh­esten Aufze­ich­nun­gen eines Alpha­bets, die im nordsyrischen Ugar­it gefun­den wur­den, inspiri­erten Beimel zu dem gle­ich­nami­gen Stre­ichquar­tett, wobei er die ural­ten Keilschriften in betörende Klangze­ichen trans­formierte. Sich dafür eines tradierten Klangkör­pers zu bedi­enen, mutet nur vorder­gründig irri­tierend an, da die kom­pak­te Dichte der Stre­icherbe­set­zung «Ugar­it» zu großer Wirkung ver­hil­ft. Wie Rufe aus der Ferne, die als akustis­che Schein­riesen näher rück­en und wieder entschwinden, ent­führt «Ugar­it» in reizvoll zwis­chen Ver­trautheit und Fremd­heit aus­bal­ancierte Klangge­filde – nicht zulet­zt auf­grund der konzen­tri­erten, zumal die dynamis­chen Prozesse per­fekt aus­lo­ten­den Inter­pre­ta­tion durch das Sonar Quar­tett.
Beein­druck­end ist auch das bre­ite schöpferische Spek­trum Beimels, das sich in den weit­eren Werken doku­men­tiert. Klan­glich ver­wandt mit «Ugar­it», aber nicht so stark wie das Quar­tett, ist sein «con­certi­no» für Vio­la und Stre­i­chorch­ester (mit Wern­er Dick­el, Vio­la, und der Wup­per­taler Sin­foni­et­ta unter Rein­mar Neuner). Diesem Stück liegt indes ein völ­lig ander­er Aus­gangspunkt zugrunde, näm­lich aus ein­er schlicht­en musikalis­chen Idee mit «fein­er Ironie» ein kom­plex­es Netz aus Fin­ten, Irr­wegen und Defor­ma­tio­nen zu kon­stru­ieren.
In «…into space…» erweist sich Sebas­t­ian Gramss – ein­mal mehr – als eben­so sen­si­bler wie präzis­er Kon­tra­bassist. Gemeint ist mit «space» nicht das Weltall, son­dern der Kos­mos des Einzel­tons, der durch die Schwin­gungen von hinzuge­fügten Res­o­nanz­sait­en sub­tile Auf­fächerung erfährt. Unschein­bar­er als «…into space…» mu­ten «pas­torale» für Oboe (Georg Bon­gartz) und «gaukelei» für Akko­rdeon (Ute Völk­er) an, wen­ngle­ich die fliehende Leichtigkeit in der gestis­chen Klang­entfaltung pure Freude an der Musik um ihrer selb­st willen ver­mit­telt. Leise an exis­ten­zielle Dimen­sio­nen gemah­nt dann das Abschlussstück «nacht» für Tenor und Chor auf ein Gedicht von Joseph von Eichen­dorff im Zugriff von Mar­cus Ull­mann und dem Ket­twiger Bach-Ensem­ble unter Wolf­gang Käsen­er. «ding / dong»: eine CD mit Höhen und Tiefen, auch im Hin­blick auf das Book­let. Das ist zwar hüb­sch assozia­tiv gestal­tet, bietet let­ztlich aber nur wenig stich­haltige Infor­ma­tio­nen zur Musik.

Egbert Hiller