Donaueschinger Musiktage 2010

Philippe Manoury: Stringendo | Brian Ferneyhough: Streichquartett Nr. 6 | Ondrej Adámek: Lo que mo' contamo' | Simon Steen-Andersen: Double up | Ivan Wyschnegradsky: Arc-en-ciel I und II | Georg Friedrich Haas: limited approximations u. a.

Verlag/Label: NEOS 111 14-17 (4 CDs)
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Während die Musik­tage laufen, fragt man sich als kri­tis­ch­er Beobachter immer wieder, welche Stücke Ein­tags­fliegen bleiben und welche das For­mat zum «Über­leben» besitzen. Und in Erwartung der alljährlichen, im Fol­ge­jahr veröf­fentlicht­en CD-Chronik stellt sich für den Pro­duzen­ten wie für den Hör­er die Frage: Was lohnt sich festzuhal­ten? Erstaunlicher­weise aber bringt vielle­icht ger­ade der zeitliche Abstand eine Ver­tiefung beim Wieder­hören: Die vier CDs der Chronik des Jahrgangs 2010 hal­ten das Wertvolle fest und bieten den (hof­fentlich vie­len) Hör­ern, die nicht in Donaueschin­gen anwe­send waren, nachträglich einen vorzüglichen Überblick, dessen Per­spek­tive dur­chaus über den Rah­men dieses Fes­ti­vals hin­aus­re­icht.
Die Donaueschinger Musik­tage 2010 stell­ten das Stre­ichquar­tett in den Mit­telpunkt und luden drei renom­mierte Ensem­bles dazu ein: das Ardit­ti Quar­tet, das Quatuor Dio­ti­ma und das JACK Quar­tet, und der beson­dere Reiz bestand darin, das 6. Quar­tett von James Dil­lon gle­ich dreimal auf­führen zu lassen – die CD-Chronik hält alle drei Wieder­gaben fest und erlaubt ein ver­gle­ichen­des Hören: das Ardit­ti zupack­end, Dio­ti­ma eher etwas ver­hal­ten, JACK prononciert artikulierend, und dazu Dauer­nun­ter­schiede bis zu drei Minuten bei ein­er Gesamt­dauer des Werks von etwa ein­er Vier­tel­stunde. Beein­druck­end fern­er die Quar­tette von Fer­ney­hough und Manoury, und bei Adámek hätte man sich im Book­let gern die Über­set­zung des Titels gewün­scht; Spanisch ist nicht All­ge­meingut wie Englisch.
Ein klangschön­er Höhep­unkt ist das Bas­set­thorn-Konz­ert von Mar­co Strop­pa, während Vinko Globokar eine fast schon typ­is­che qua­si-nar­ra­tive Mu­sik vor­legt. Mit Zwölftel­ton­klän­gen exper­i­men­tierte schon Ivan Wyschne­grad­sky (1893–1979), ein Klas­sik­er der Mikro­tonal­ität. Und da sich Georg Friedrich Haas in seinem Konz­ert für sechs Klaviere im Zwölftel­ton­ab­stand und Orch­ester «lim­it­ed approx­i­ma­tions» eben­falls dieser Klang­welt zuwen­det, lag die Auf­führung der bei­den «Arc-en-ciel»-Stücke Wyschne­grad­skys nahe. Mit seinen merk­würdi­gen Quin­tk­län­gen wirkt das Werk von Haas kon­ven­tioneller, als es tat­säch­lich ist; diese Klang­welt ist im­mer noch gewöh­nungs­bedürftig (weil das Ohr klammheim­lich «kor­rigiert»), aber reizvoll und sicher­lich perspek­tivenreich.

Hart­mut Lück