Ensemble X

X 113 / X 8 / X 112 / X 111 (Improvisationen)

Verlag/Label: Red Toucan Records TR 9344
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/06 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 4

WIO, LIO, RIO – in Zeit­en der Orch­esterkürzun­gen und Zusam­men­le­gung von klas­sis­chen Sin­fonieorch­estern scheinen sie seit eini­gen Jahren wie Pilze aus dem Boden zu sprießen: impro­visierende Orch­ester. Ein neues Phänomen ist dies gewiss nicht, gab und gibt es doch seit den 1970er Jahren zum Teil bis heute existierende impro­visierende Großensem­bles, die schon in den Frühzeit­en der so genan­nten frei impro­visierten Musik den Gedanken ein­er größeren Instru­men­tal-Beset­zung, sei es das klas­sis­che Orch­ester, sei es die Jazzbig­band, in der eige­nen Diszi­plin neu zu befra­gen sucht­en.
Die Ansätze waren so ver­schieden wie die ästhetis­chen Posi­tio­nen und soziokul­turellen Eigen­veror­tun­gen im Span­nungs­feld der Idee ein­er «freien» Impro­vi­sa­tion selb­st. Von stilis­tis­chen Unter­schieden abge­se­hen reichte die Span­nweite von Anar­chie (z. B. Scratch Orches­tra) über par­tiell fix­ierte Kom­po­si­tio­nen (z. B. Globe Uni­ty, Lon­don Jazz Com­posers Orches­tra) bis hin zu dirigiert­er Impro­vi­sa­tion (Lawrence Butch Mor­ris und Lon­don Impro­vis­ers Orches­tra). Heute ist eine ähn­liche Vielfalt zu beobacht­en. Das WIO eben­so wie das VIO – das Wup­per­taler und das Vien­na Impro­vis­ers Orches­tra – etwa arbeit­en mit ver­schiede­nen Dirigierze­ichen, das James Chioce Orches­tra aus Köln spielt speziell für die Musik­er kom­ponierte Werke, ÖNCZkekvist, SPLITTER und andere Orch­ester erproben die freie Impro­vi­sa­tion ohne Vor­gaben – um jew­eils nur Beispiele anzudeuten. Auch das seit 2008 beste­hende Ensem­ble X hat sich dem Spiel ohne Vor­gaben und ohne Zeichenge­bung ver­schrieben. Der Tubist Carl Lud­wig Hüb­sch ist erfahren im Spiel in Großensem­bles, ist er doch ein­er der Leit­er des James Choice Orches­tra, in dem Impro­visierende ver­eint sind, die eben­so ver­siert sind im Spiel nach Noten wie sie frei zu impro­visieren ver­mö­gen. Das Ensem­ble spielt Stücke, die für diese Beset­zung geschrieben wer­den. Es ist ein Langzeit­pro­jekt dahinge­hend, ver­schiedene Möglichkeit­en zwis­chen Freiraum und Fix­ierung zu unter­suchen.
Ganz anders sollte das neue Ensem­ble X wer­den. Es sollte frei impro­visiert wer­den. Doch eines wollte Carl Lud­wig Hüb­sch ver­mei­den, näm­lich dass typ­is­che Entwick­lun­gen entste­hen, die nur allzu oft in der Dynamik frei impro­visieren­der Musik­er zu beobacht­en sind: dynamis­che, gestis­che Wellen­be­we­gun­gen, Abfol­gen von dicht­en und aus­gedün­nten Pas­sagen, her­ausstechende Soli, mäan­dernde Klangflächen. Carl Lud­wig Hüb­sch wählte gezielt Musik­erin­nen und Musik­er, von denen viele schon in wech­sel­nden Beset­zun­gen miteinan­der musiziert hat­ten. Solche, die auch Erfahrung haben in der Impro­vi­sa­tion in größeren Grup­pierun­gen: Impro­visierende aus der Schweiz, aus dem Raum Köln, aus der hes­sis­chen Impro­vi­sa­tion­sszene.
Das klan­gliche Ergeb­nis evoziert ein Metain­stru­ment. Die Musik ist dicht, kom­pakt, sehr präsent. Und dies unab­hängig von der jew­eili­gen Dynamik oder Tex­tur, ob flächig oder mit punk­tuellen Ein­sprengseln. Man kann es kaum bess­er beschreiben, als es Carl Lud­wig Hüb­sch in seinen Lin­er Notes selb­st tut. Er wollte kein Ensem­ble mit Solis­ten. Vielmehr sieht er jede Musik­erin und jeden Musik­er als Teil des Ensem­blege­hirns. Zu hören wären dann entsprechend Ver­schal­tun­gen im Gehirn. Sub­tile Ver­net­zun­gen, auch Kom­mu­nika­tion, Inter­ak­tion, aber inner­halb fein­stof­flich­er Mikrostruk­turen.

Nina Polaschegg