Wolff, Christian

For Piano I / For Pianist / Burdocks

Verlag/Label: Wergo studio reihe, WER 67772
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/06 , Seite 83

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 3
Book­let: 3

Das Stück For Piano I kom­ponierte Chris­t­ian Wolff für David Tudor. Hin­sichtlich der Vir­tu­osität des Klavier­spiel­ers ver­wun­dert es nicht, dass die Kom­po­si­tion sehr hohe Ansprüche an den Inter­pre­ten stellt. An ein­er bes­timmten Stelle ver­langt Wolff, einen Akko­rd zu spie­len, der sich über mehrere Oktaven erstreckt und dessen einzelne Töne in divergieren­den Ton­län­gen und Dynamiken wiedergegeben wer­den müssen: ein beina­he unmöglich­es Unter­fan­gen, für Tudor aber kein Prob­lem.
Die 1959 ent­standene Kom­po­si­tion For Pianist lässt sich als eine Reak­tion auf das ein Jahr zuvor fer­tiggestellte Duo For Pianists II ver­ste­hen. Let­zteres beste­ht aus 15 Seg­menten. Sie enthal­ten genaueste Anweisun­gen für Hand­lun­gen, die unter den freiesten Bedin­gun­gen auszuführen sind. Die Fort­be­we­gung inner­halb der Sek­tio­nen resul­tiert aus den Aktio­nen der Spiel­er, konkret: Hört der Instru­men­tal­ist einen Ton, der von seinem Part­ner zum Beispiel in ein­er bes­timmten Artiku­la­tion gespielt wird, muss er zu dem Abschnitt sprin­gen, der mit dieser Artiku­la­tion markiert ist. Dort kann er dann aus weit­eren Möglichkeit­en wählen, die wiederum das Spiel seines Kol­le­gen bee­in­flussen. Es ist unmöglich für die Spiel­er vorherzuse­hen, was der andere machen wird. Genaues Hin­hören gestal­tet somit die Kom­po­si­tion, die bei jed­er Auf­führung eine neue Form annimmt.
In For Pianist überträgt Chris­t­ian Wolff diese Sit­u­a­tion auf ein Solo-Set­ting. Damit der Solist das Stück nicht im Vorhinein ausar­beit­et, baut der Kom­pon­ist Ele­mente in die Par­ti­tur ein, die den Spiel­er in unvorherse­hbare Sit­u­a­tio­nen kat­a­pul­tieren. Eine Reak­tion auf David Tudor, der Kom­po­si­tio­nen vor jed­er Auf­führung akribisch auszuar­beit­en pflegte. Wolff ver­langt vom Pianis­ten, eine Pas­sage so leise wie möglich zu spie­len oder sehr schnell von einem ganz tiefen zu einem ganz hohen Ton zu sprin­gen. Aus dieser Hand­lung kön­nen drei unter­schiedliche Szenar­ien entste­hen. Der Spiel­er trifft den Ton, er greift zu hoch oder zu tief. Für jeden Aus­gang konzip­iert Wolff eine andere Fort­set­zung. Der Spiel­er kann so unmöglich errat­en, was er als näch­stes tun wird. In der vor­liegen­den Auf­nahme aus dem Jahre 1971 inter­pretiert Fred­er­ic Rzews­ki, ein enger Fre­und von Wolff, das Stück. Auf­fäl­lig an For Pianist sind die vie­len Pausen. Sie entste­hen aus den Reflex­io­nen des Spiel­ers und leg­en gle­ichzeit­ig die einzel­nen Klänge frei. Jedem Ereig­nis wird genü­gend Raum zur Ent­fal­tung gegeben. Daraus resul­tieren auch inter­es­sante rhyth­mis­che Kon­stel­la­tio­nen, die inner­halb ein­er kon­ven­tionellen Nota­tion und spielerischen Ausar­beitung nicht möglich gewe­sen wären.
Bur­docks heißt zu Deutsch «Klet­ten». Es ist Wolffs erste Arbeit für ein großes Ensem­ble. Das Stück ver­sam­melt zehn het­ero­gene Teile, die entwed­er hin­tere­inan­der oder über­lap­pend gespielt wer­den kön­nen. Mit von der Par­tie sind u. a. David Behrman, Gor­don Mum­ma oder Fred­er­ic Rzews­ki. Ihre Inter­pre­ta­tion ist sehr konzen­tri­ert. Die Musik­er ver­weben das spröde Klang­ma­te­r­i­al zu inter­es­san­ten musi­kalischen Ereignis­sen, die immer klar und nachvol­lziehbar bleiben. Kein Ton ist zu viel. Am schön­sten ist der sech­ste Abschnitt, «Melodie und Begleitung». Es ertönt eine selt­same Melodie, die diversen Per­mu­ta­tio­nen aus­ge­set­zt ist. Die Spiel­er greifen Teile von ihr auf, leg­en neue Nuan­cen frei und trans­formieren sie damit immer wieder in neue Kon­texte. Beza­ubernd.

Raphael Smar­zoch