Gesänge aus Osteuropa

Werke von Sofia Gubaidulina, Adriana Hölszky, Violeta Dinescu, Galina Ustwolskaja und Myriam Marbe

Verlag/Label: Mediaphon Green Label, MED 72 115
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/02 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 3

Diese CD ist eine klin­gende Vis­itenkarte des Hei­del­berg­er Kul­turin­sti­tuts «Kom­pon­istin­nen gestern – heute» und seines Fes­ti­vals, das längst «Gegen­wel­ten» heißt und auch Her­ren der (Ton-)Schöpfung zulässt. 2012 beg­ing es sein 25. Jubiläum. Mut­ter des Gedankens und kün­st­lerische Lei­t­erin des Fes­ti­vals war und ist die Sän­gerin Ros­witha Sperber.
Soweit ersichtlich wur­den alle fünf auf der CD vertrete­nen Kom­pon­istin­nen mit dem Hei­del­berg­er Kün­st­lerin­nen­preis aus­geze­ich­net. Den Reigen eröffnet Sofia Gubaiduli­na mit zwei Gesän­gen auf deutsche Volk­spoe­sie, die sie 1988 in der Hol­steinis­chen Elb­marsch ent­warf: dem «Stre­itlied zwis­chen Leben und Tod» und dem Scher­zlied «Wenn der Pott aber nu en Loch hat, lieber Hein­rich» für Mez­zoso­pran, Flöte, Vio­lon­cel­lo und Cem­ba­lo. In bei­den Liedern mei­det die Russin den «Schein des Bekannten».
Als Beitrag zum Fes­ti­val­jahrgang 1990, dessen The­ma «Blau – Farbe der Ferne» den synäs­thetis­chen Nerv reizte, schrieb die rumänisch-deutsche Kom­pon­istin Adri­ana Höl­szky ein «Flächen­spiel», das sie «Flöten des Lichts» über­schrieb. Auf­tragge­ber war das Stuttgarter Bläserquin­tett, die Textgrund­lage schuf die Schrift­stel­lerin Ursu­la Haas. Neben präzise aus­notierten Par­tien enthält die Par­ti­tur grafisch skizzierte Episo­den und ver­bale Anweisun­gen zur Geräuscherzeu­gung. Die extrem geforderte Vokalsolistin und ihre vir­tu­osen Part­ner Willy Freivo­gel (Flöte), Sig­urd Michael (Oboe), Rain­er Schu­mach­er (Klar­inette), Fried­helm Pütz (Horn) und Her­mann Herder (Fagott) erfüllen sie mit Hingabe.
Den Namen ein­er imag­inären mythol­o­gis­chen Fig­ur trägt das Duett «Eurac­u­los» für Mez­zoso­pran und Klar­inette, das Vio­le­ta Dines­cu – seit 1996 Pro­fes­sorin an der Uni­ver­sität Old­en­burg – 1983 aus Rumänien mit­brachte. 1985 erk­lang es erst­mals in Hei­del­berg. Ros­witha Sper­ber und Valeriu Bar­buceanu ermessen den Raum zwis­chen den Gedichtzeilen des (ver­fol­gten) rumänis­chen Poet­en Ion Caraion. Wie aus getren­nten Wel­ten herk­om­mend suchen Stimme und Instru­ment einan­der im­mer wiederzufind­en und anzu­ver­wan­deln. Ihre qua­si zeit­losen, melodisch weit geschwun­genen, reich verzierten und vari­ierten Bögen ähneln der tra­di­tionellen rumänis­chen «Doina», die der Hirten­welt entstammt.
Die 1988 in Hei­del­berg uraufge­führte Vierte Sym­phonie der 2006 gestor­be­nen, in der Sow­je­tu­nion lange tot­geschwiege­nen Gali­na Ust­wol­ska­ja ist die «reduzierteste» ihrer fünf so genan­nten Sym­phonien: nicht nur zeitlich und in der Beset­zung, son­dern auch hin­sichtlich des musikalis­chen Mate­ri­als. Einem rhyth­mis­chen Pulss­chlag unter­ge­ord­net, wer­den drei Motive unaus­ge­set­zt vari­ierend bewegt. Klang­far­bliche Askese, tiefe Stimm­lage und Tam­tam rück­en das karge Klangge­bet in Todesnähe.
Rit­uelles Ver­mächt­nis der 1997 in Bukarest gestor­be­nen, zu Zeit­en Ceau­s¸escus unter­drück­ten Tondich­terin My­riam Marbe ist das Requiem «Fra Angeli­co – Marc Cha­gall – Voronet» für Chor, Solostimme und Ensem­ble: eine bewe­gende, überkon­fes­sionelle Toten­klage. Auf den Altartafeln des Ital­ieners und in den Bilderträu­men des Russen gewahrte sie die näm­liche, ins Meta­ph­ysis­che weisende Bläue in den Außen­fresken des Klosters Voronet in der Bukowina.

Lutz Lesle