György Ligeti: Le Grand Macabre

Inszenierung: Alex Ollé und Valentina Carrasco | 164 min.

Verlag/Label: Arthaus 101643 (DVD), 108058 (BD)
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/06 , Seite 77

Györ­gy Ligetis 1978 in Stock­holm uraufge­führte Oper Le Grand Macabre, eine derbe spät­mit­te­lal­ter­liche Bühnen­erzäh­lung von Suff, Sex und Wel­tun­ter­gang, kann in der Insze­nierung von Alex Ollé, einem Mit­glied von La Fura dels Baus, und Valenti­na Car­ras­co seine Qual­itäten prächtig zur Ent­fal­tung brin­gen. Raf­finierte Video­pro­jek­tio­nen, die mit der Büh­nen­re­al­ität ver­schmelzen, unter­stre­ichen den sur­realen Charak­ter der über­dreht­en Geschichte und machen die Szenen­wech­sel zur optis­chen Attrak­tion. Die Bühne von Alfons Flo­res wird dominiert von ein­er riesi­gen nack­ten Frauen­fig­ur, deren Kör­peröff­nun­gen als Auftrittsluken und teil­weise als Spielorte dienen. Aus ihrem Mund quillt die Haupt­fig­ur Nekrotzar her­vor und fällt wie ein Stück Erbroch­enes langsam zu Boden, der Weiße und der Schwarze Min­is­ter lösen sich aus ihrem Hin­tern, während der von sein­er Dom­i­na gerit­tene und gepeitschte Astronom Astradamors in Strapsen über die Schenkel des Frauenkör­pers kriecht. Die Ästhetik des Hässlichen, der Ligeti hier in Anlehnung an die franzö­sis­che Déca­dence des späten 19. Jahrhun­derts huldigt, wird in pralle, Voyeuris­mus und Ekel gle­icher­maßen mobil­isierende Bilder umge­set­zt und von den Kam­eras, die den Fig­uren nahe auf den Leib rück­en, genussvoll doku­men­tiert.
Auch eine so bild­kräftige Insze­nierung ver­mag indes die starke Wirkung, die von der Musik aus­ge­ht, nicht zu schmälern. Die grellen Bilder des Dra­matik­ers Michel de Ghelderode, in denen sich Fleis­ches­lust, Macht­geil­heit und Apoka­lypse in obszön­er Weise verk­lumpen, ließen Ligeti in die Abgründe sein­er kom­pos­i­torischen Fan­tasie hin­ab­steigen; seine Ein­fälle jagen sich, so dass zwis­chen dem defti­gen Büh­nengeschehen und der hyper­ak­tiv­en Musik stets ein ges­pan­ntes Gle­ichgewicht herrscht. Das ist nicht zulet­zt das Ver­di­enst der Inter­pre­ten und des Diri­gen­ten Michael Boder. Musikalisch bewegt sich die Aufze­ich­nung aus dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona auf hohem Niveau. Die Sänger erledi­gen ihre teils hor­rend schwieri­gen Auf­gaben mit Bravour; die zwis­chen kaltem Zynis­mus und witziger Karikatur schwank­ende musikalis­che Dik­tion wird vom Orch­ester mit harten, präzisen Strichen nachgeze­ich­net. Ein län­geres Gespräch mit Michael Boder über die basic instincts von Tod und Leben und deren Spiegelung in der Musik run­det die Pro­duk­tion ab.

Max Nyf­fel­er