Demuth, Marion / Hiekel, Jörn Peter (Hg.)

Hören & Denken

Neue Musik und Philosophie

Verlag/Label: Schott Music, Mainz 2011
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 90

«Theodor W. Adorno war der let­zte – und vielle­icht einzige – Philosoph, der etwas von neuer Musik ver­stand», und der anhand von Musik die verän­derte Rolle der Kun­st in der mod­er­nen Gesellschaft ins­ge­samt zu bes­tim­men suchte. Laut Albrecht Wellmer ist seit­dem «die philosophis­che Reflex­ion auf die Musik zu einem beträchtlichen Maße in die Pro­duk­tion der neuen Musik selb­st einge­wan­dert». Fol­gerichtig geht der Berlin­er Philosoph auch nicht auf Texte von Kol­le­gen ein, die sich ohne­hin nicht mit neuer Musik befassen, son­dern wen­det sich Kom­pon­is­ten zu, namentlich Cage, Hen­ze und Lachen­mann, denen es trotz unter­schiedlich­er Ansätze um dieselbe Frage geht: Inwieweit kann Musik nach dem Ende der Tonal­ität noch exis­ten­ziell bedeut­sam in den Erfahrungszusam­men­hang der Hör­er ein­greifen?
Eine «Geburt der Philoso­phie aus dem Geist der zeit­genös­sis­chen Musik» kon­sta­tiert gar Simone Mahren­holz angesichts der von vie­len Kom­pon­is­ten intendierten Hör­erfahrung, bei welch­er das Pub­likum mit der Musik zugle­ich die («tran­szen­den­tal­en») Bedin­gun­gen der Möglichkeit­en des eige­nen Wahrnehmens und Erken­nens ver­ste­hen soll. Konkret werk­be­zo­gene Proben auf dieses Exem­pel machen Mar­i­on Sax­er bei Mor­ton Feld­man und Patrick Müller bei Beat Fur­rer und Isabel Mundry. Wer­den Denken über Musik und Denken in Musik üblicher­weise getren­nt unter­sucht, brin­gen die elf Vorträge des vom Europäis­chen Zen­trum der Kün­ste Heller­au und dem Insti­tut für Neue Musik der Dres­d­ner Musikhochschule 2007 ver­anstal­teten Kol­lo­qui­ums die ver­schwis­terten Arbeits- und Sein­sweisen zusam­men.
Zen­trale Aspek­te der «Liai­son» von Musik und Philoso­phie exponiert Jörn Peter Hiekel am Beispiel des Ein­flusses von Philoso­phie als «Reflex­ion­s­medi­um» und «Stim­u­lans» auf die Musik von Bernd Alois Zim­mer­mann. Dieter Mer­sch argu­men­tiert gegen den von Adornos «Philoso­phie der neuen Musik» (1949) aufge­baut­en Antag­o­nis­mus von «Schön­berg und der Fortschritt» ver­sus «Straw­in­sky und die Reak­tion», um stattdessen für eine «Neu­ver­mes­sung der Geschichte neuer Musik jen­seits ihrer Schul­bil­dun­gen und Einzel­bi­ografien» zu plädieren, was nach dem Ende der Fortschrittside­olo­gien nur plau­si­bel erscheint, doch kaum orig­inelle Anstöße zu neuen Ori­en­tierun­gen bietet. Um post­mod­erne Musikphiloso­phie nach Adorno geht es auch Susanne Kogler auf der Basis der Schriften Jean-François Lyotards, dem Musik von Bach, Berio und Cage als Par­a­dig­ma von Kun­st diente. Eben­so argu­men­tiert Hans Zen­der gegen alte Polar­isierun­gen und für eine «kom­plexe Poly­phonie» von wis­senschaftlichem, kün­st­lerischem und philosophis­chem Denken und Wahrnehmen.
Der 2009 ver­stor­bene Heinz-Klaus Met­zger kom­men­tiert in einem sein­er let­zten Vorträge Cages berühmte Lec­tures bei den Darm­städter Ferienkursen 1958, deren Fra­gen er sein­er­seits mit erhel­len­den Nach­fra­gen ver­sieht. Eine philosophisch-musikalis­che Ein­heit bildet der Beitrag von Markus Hech­tle. Als ein einziger, ohne Punkt durch­laufend­er Satz ver­tritt dieser Essay sowohl for­mal als auch inhaltlich als labyrinthis­che Folge gegen­seit­ig sich aufheben­der Zitate von Hei­deg­ger, Jaspers, Schopen­hauer, Leib­nitz und Schiller ein­drück­lich Nicht-Fes­tleg­barkeit als ästhetis­che Maxime: Kun­st ist ständi­ge Bewe­gung, Offen­heit und Frei­heit zum Wider­spruch.

Rain­er Non­nen­mann