Karlheinz Stockhausen

Verlag/Label: zeitkratzer zkr0012
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 5

Das (Sprach-)Bild bleibt haften, auch nach der zwölften Veröf­fentlichung: die Zeit kratzen, die Zeit aus dem Rud­er laufen lassen für kurze Momente, die Zeit in ihrer Strin­genz wenige Atemzüge lang anhal­ten. Das 1997 von Rein­hold Friedl gegrün­dete Ensem­ble über­schre­it­et näm­lich Gren­zen, denkt und spielt im ver­stärk­ten und unver­stärk­ten Zus­tand, wobei sich Ersteres nicht nur auf eine elek­trische, son­dern auch auf eine durch das Pub­likum, Blech­bläser­schüler oder Frei­willige ermöglichte Ver­stärkung bezieht. Bish­er beschäftigte sich das Ensem­ble in sein­er «old school»-Reihe mit Werken von John Cage, James Ten­ney und Alvin Luci­er. Als viert­er aus der alten Garde ste­ht nun Karl­heinz Stock­hausen (1928–2007) im Fokus musikalisch-inter­pre­ta­torisch­er Hin­ter­fra­gun­gen: zeitkratzer inspizieren und inter­pretieren sein Werk «Aus den Sieben Tagen» – eine Tex­tkom­po­si­tion für intu­itive Musik (1968).
Die von Stock­hausen selb­st und seinem Ensem­ble – bis 1970 – häu­fig aufge­führte Intu­itiv­musik unter­liegt durch seine vom Kom­pon­is­ten deklar­i­erte Aus­gestal­tung naturgemäß ein­er bre­it­en Inter­pre­ta­tion­s­möglichkeit. Stock­hausens Auf­führung­sprax­is endete mit dem Zeit­punkt, als seine Musik­er wegen des intu­itiv­en Charak­ters der Kom­po­si­tion ihren Sta­tus als Mitau­toren ein­forderten, obwohl das Mate­r­i­al in seinen Abfol­gen vom Urhe­ber mit präzisen Spielan­weisun­gen vorgegeben wurde. Stock­hausens Spielan­weisun­gen lassen sich mit denen der bilden­den Kün­st­lerin und Musik­erin Yoko Ono ver­gle­ichen, die im sel­ben Zeitraum, in dem Stock­hausen seine Werk erar­beit­ete, gesam­melte Hand­lungsan­weisun­gen in ihrem Buch «Grape­fruit» veröf­fentlichte: «Nimm den Lärm auf, den ein Stein beim Altern macht.»
Stock­hausen ver­langt von seinen Inter­pre­ten ähn­lich unbes­timmte Assozi­a­tions­ket­ten, die er in peni­bel vorgeschriebe­nen Spielan­weisun­gen skizziert. In «Nacht­musik» etwa fordert er die Spiel­er auf: «Spiele eine Schwingung im Rhyth­mus des Uni­ver­sums …». Zeitkratzer set­zt diese Anweisung in sphärische Klänge um, die sich in einem gren­zen­losen virtuellen Klan­graum ent­fal­ten und fast wie eine Art des Weißen Rauschens aus der Unendlichkeit des Raums über die Instru­mente der Musik­er das Ohr des Hör­ers erre­ichen. Schwingun­gen und Rhyth­mus entste­hen stets aus der Unmit­tel­barkeit des soeben erzeugten Klangs, dessen aus­laufend­er Rest-Ton in den neu entste­hen­den hine­in­greift. Es entste­hen For­men von Klän­gen, Geräuschen und Schallereignis­sen, die in ihrer Kom­plex­ität kaum noch beherrschbar erscheinen. Den­noch gelingt es dem zeitkratzer-Ensem­ble, den Anweisun­gen Stock­hausens («Spiele einen Ton / mit der Gewis­sheit / daß Du beliebig viel Zeit und Raum hast») die nötige Klangdichte und -vielfalt einzutrichtern.
Neben «Nacht­musik» wählte das Ensem­ble die Stücke «Unbe­gren­zt», «Verbindung», «Inten­sität» und «Setz die Segel zur Sonne», die sie nach ein­er mehrtägi­gen Probe­nar­beit am 12. April 2011 live im «Kino Šiška» in Ljubl­jana (Slowe­nien) und anschließend auf der Musik Bien­nale Zagreb (Kroa­t­ien) auf­führten. Die veröf­fentlicht­en Auf­nah­men entstam­men diesen bei­den Konz­erten und der Probe­nar­beit­sphase.

Klaus Hüb­n­er