Philippe Manoury

Le temps, mode d’emploi

GrauSchumancher Piano Duo, SWR Experimentalstudio

Verlag/Label: SACD, NEOS 11802
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 4/2019 , Seite 71

“Ein Hörgenuss ist dabei immer wieder die Klarheit von Andreas Graus und Götz Schumachers höchst konzentriertem und präzisem Spiel sowie die schier mit Händen greifbaren, von José Miguel Fernández und Dominik Kleinknecht (SWR Experimentalstudio) realisierten Klangperlen.” (Gerardo Scheige)

In einer immer komplexer werdenden Welt sind Gebrauchsanweisungen hilfreich, bisweilen gar unentbehrlich. Wer sich aber von Philippe Manourys Le temps, mode d’emploi (2014) eine verlässliche Anleitung für das Phänomen ‹Zeit› erhofft, wird erfreulicherweise enttäuscht. Vielmehr dürfte der Titel des 58-minütigen Werks für zwei Klaviere und Live-Elektronik – so vermutet es auch Bernd Künzig im Booklettext – sich augenzwinkernd auf Georges Perecs Opus summum La Vie mode d’emploi beziehen: Im 1978 publizierten experimentellen Roman des franzö­sischen Schriftstellers werden die Appartements eines fiktiven Pariser Wohnhauses nach dem Bewegungsprinzip des Springers im Schach durchforstet. Mosaikartig fügen sich die Leben und Beziehungen einzelner BewohnerInnen peu à peu gleich Puzzleteilen zusammen.


Ein lineares Vorgehen vermeidet auch Philippe Manoury in Le temps, mode d’emploi und beschreibt es als «ein großes musikalisches Fresko über verschiedene Methoden, Zeit zu gestalten». «Sie ist», so der Komponist weiter, «nicht nur das Gefäß, das unser Leben, unsere Handlungen und Wahrnehmungen enthält, sie könnte auch ihre eigene Struktur haben, eine Art Umhüllung.»
Drei zu Beginn des achtteiligen Stücks gespielte Mehrklänge verlieren sofort an Dichte, lösen sich in ein vibrierendes Zittern auf, das die Live-Elektronik multipliziert. Zu den zwei Flügeln gesellen sich vier virtuelle Klaviere: Ringmodulierend türmen und annihilieren sich Frequenzen, die verzerrte Klangschatten bilden. Pulsierend schreitet die Musik voran, ohne eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Im zweiten Teil wiede­rum verzögert sich die Zeit, droht zu erstarren, um im dritten Part erneut an Fahrt aufzunehmen und in sich überschlagende Kaskaden zu münden.

Ein Hörgenuss ist dabei immer wieder die Klarheit von Andreas Graus und Götz Schumachers höchst konzentriertem und präzisem Spiel sowie die schier mit Händen greifbaren, von José Miguel Fernández und Dominik Kleinknecht (SWR Experimentalstudio) realisierten Klangperlen. Bei aller akustischen Transparenz verschmelzen – äquivalent zum Künstlernamen GrauSchumacher – die analogen und digitalen Ebenen zu einem formschönen Metainstrument. Besonders deutlich wird dies beispielsweise im rätselhaften fünften oder im überaus virtuosen siebten Teil der Komposition.
Aufgrund des Speichermediums SACD (Super Audio Compact Disc) besteht bei entsprechender Hardware zudem noch die Möglichkeit, das Werk in seiner ursprünglichen Mehr­­kanaligkeit zu hören. Und wenn nach knapp einer Stunde, in der die Zeit gedehnt, gestaucht, gekörnt, geschichtet und geteilt wurde, der letzte Ton verklingt, bleibt das Ohr zugleich fragend und verzückt zurück.

Fünf Jahre nach seiner Uraufführung im Rahmen der Wittener Tage für neue Kammermusik 2014 ist Le temps, mode d’emploi nun auf CD erhältlich. Das Warten hat sich gelohnt: So kann sich jede Zuhörerin bzw. jeder Zuhörer genügend Zeit nehmen, um eigene Gebrauchsanweisungen anzufertigen.

Gerardo Scheige