Odeh-Tamimi, Samir

Madjnun | Jabsurr | Ahinnu II | Shira Shir | Philaki | Garten der Erkenntnis | Gdadroja

Verlag/Label: Wergo, Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats, WER 65822
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Samir Odeh-Tami­mi wurde 1970 in dem Dorf Jaljuliya bei Tel Aviv geboren. Von 1984 bis 1989 trat er als Key­board­er und Schlagzeuger im Bere­ich der tra­di­tionellen ara­bis­chen Musik auf. Zuvor war der Ver­such bei einem betagten rus­sisch-jüdis­chen Pianis­ten das klas­sis­che europäis­che Reper­toire zu erler­nen fehlgeschla­gen. Mit diesem Klavierun­ter­richt sollte vor­läu­fig auch die Idee scheit­ern, der west­lichen Kun­st­musik und damit dem Faszi­nosum des Frem­den irgend­wie nahe zu kom­men. Dem Frem­den sollte Odeh-Tami­mi schließlich in Kiel nach­spüren, zunächst bei einem Studi­um der Musik­wis­senschaft. Schließlich ergab sich das Kom­po­si­tion­sstudi­um bei Youn­gi Pagh-Paan. Für Odeh-Tami­mi wurde die Begeg­nung mit ihr zum alles entschei­den­den Wen­depunkt.
Dass er nicht im Stil von Bach oder Beethoven kom­ponieren wollte, wusste er schon während seines musik­wis­senschaftlichen Studi­ums. Bei der Klaus-Huber-Schü­lerin Younghi Pagh-Paan ent­deck­te er Schön­berg und Xenakis, Scel­si und Lutoslaws­ki. So ist die Musik­sprache der europäis­chen Tra­di­tion doch wieder Teil sein­er kün­st­lerischen Iden­tität, allerd­ings ein­er Iden­tität, die bisweilen zu schnell auss­chließlich als die eines poli­tisch denk­enden und arbei­t­en­den Kün­stlers definiert wird.
Die vor­liegende Werkschau, die wesentliche kom­pos­i­torische Sta­tio­nen Odeh-Tamimis aus den Jahren 2002 bis 2011 umfasst, reflek­tiert sehr wohl die poli­tis­che Sit­u­a­tion in der Heimat des Kom­pon­is­ten. Von poli­tis­ch­er Ide­olo­gie jedoch keine Spur. Odeh-Tami­mi kom­poniert den men­schlichen Schmerz unter poli­tis­chen Repres­sio­nen, keine Agit­prop-Num­mern. Vor allem jedoch kom­poniert er jen­seits west­lich­er Avant­garde-Klis­chees des 20. und 21. Jahrhun­derts. Seine musikalis­chen Mit­tel find­et er unter anderem in der Musik des ara­bis­chen Kul­turkreis­es, seine Texte in der alten ara­bis­chen Poe­sie und bei den Sufi-Mys­tik­ern. Allen Musiken Odeh-Tamimis gemein­sam ist ein hochex­pres­siv­er Ver­lauf, sind Klan­gräume von enormer rhyth­misch-rhetorisch­er Energie, sind dynamis­che Extreme an der oberen Ver­lauf­skante. Darüber hin­aus ver­wen­det Odeh-Tami­mi so vor­be­halt­los wie neugierig auf neue Aus­druck­squal­itäten tra­di­tionelle ara­bis­che Instru­mente in Klang­wel­ten west­lich­er Prove­nienz wie auch umgekehrt.
Das Etikett «Welt­musik» indes gilt es zu ver­mei­den. Exem­plar­isch lässt sich das an «Gdadro­ja» für Kammer­orchester und Sopran darstellen. Der Titel ist eine Syn­these aus Bag­dad und Tro­ja, Orte, die in der Men­schheits­geschichte als Sinnbild für Krieg und Zer­störung ste­hen. In die schrundi­ge, rhyth­misch aufgeris­sene Klang­land­schaft des Orch­ester­parts ist vier­mal eine text­lose Schmerzens­vokalise der drei Soprane in extremer Höhe und Laut­stärke implantiert. Im Ges­tus ist das den alten Klagegesän­gen der ara­bis­chen Kul­turen abge­hört. Hier jedoch wer­den die im inner­sten noch tröstlichen Gesänge mit Hil­fe der ungewöhn­lichen Dynamik in eine kör­per­lich schi­er schmer­zliche Dimen­sion kat­a­pul­tiert. So wie «Gdadro­ja» sind alle Musiken von Odeh-Tami­mi poli­tisch und zugle­ich als kom­pos­i­torisches State­ment für eine im besten Sinne kör­per­hafte, kör­per­liche Kun­st­musik zu lesen.

Annette Eck­er­le