Gander, Bernhard

Monsters and Angels

Verlag/Label: Kairos KAI 0013272
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/04 , Seite 79

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 3

«Ich bin doch kein Mon­ster!», beklagt die Sopranistin in Bern­hard Gan­ders Stück weg­da! (2011), in dem der Kom­pon­ist Ver­satzstücke aus Reden der ehe­ma­li­gen öster­re­ichis­chen Innen­min­is­terin Maria Fek­ter so zur Textgrund­lage mon­tiert, dass der Ausspruch sie auf der Stelle Lügen straft. Zuvor wet­tert sie minuten­lang gegen die Zuwan­derung von Asyl­be­wer­bern und miss­braucht in pur­er Selb­st­sucht ihr Amt als Ego­droge («Ich will Lor­beeren!»). Was hier, begleit­et vom sägen­den und tosenden Ensem­ble, im hol­pri­gen 2/4‑Takt vor sich hin schimpft, ist nur eine von vie­len Facetten der Mon­strosität im neueren Schaf­fen Gan­ders, der­er sich die CD Mon­sters and Angels wid­met. Die hier ver­sam­melten Kom­po­si­tio­nen des beken­nen­den Hor­ror­film-Fans haben ihre Wurzeln alle im ganz alltäglich gewor­de­nen Wahnsinn, der wahlweise vom Jen­seits der Mattscheibe in die Real­ität dif­fundiert oder umgekehrt. Eine men­schen­ver­ach­t­end bürokratis­che Asyl­politik ist dabei gle­ichzeit­ig Speer- und Eis­bergspitze, die Aus­sagen über Ursäch­lichkeit aber kaum zulässt.
Ganz anders in khul (2010), dessen Titel ein Ana­gramm des Super­helden Hulk bildet. Hier bricht die berühmte Wut des Helden in jed­er Sekunde des Stücks förm­lich aus ihm her­aus. Man kann sie brodeln, abschwellen oder eben explodieren hören. Gan­der führt dies in einem trans­par­enten Satz aus, der in seinem brachialen Ges­tus die auf­bäu­mende Bru­tal­ität des Super­helden mit ein­er eigen­willi­gen Ästhetik ver­sieht. Ohne im Über­maß auf avancierte Spiel­tech­niken zurück­zu­greifen, gelingt durch plas­tis­che Spielan­weisun­gen wie «anges­pan­nt», «schw­er­fäl­lig» oder «zupack­end» eine Inten­sität, die an die Stre­ichquar­tette Xenakis’ gemahnt.
Dass Super­helden aber nicht immer das let­zte Wort behal­ten, davon zeugt kein Genre so sehr wie der zeit­genös­sis­che Hor­ror­film. In Hor­ri­bile dic­tu (2007) the­ma­tisiert Gan­der die Omnipräsenz und gle­ichzeit­ige Banal­isierung der Gewalt durch das Massen­phänomen, indem er die zur bloßen Floskel verkomme­nen Hil­feschreie der Opfer in spe ver­ar­beit­et. Aneinan­der­mon­tiert, sukzes­sive mehr vom Instru­men­tal­ensem­ble ver­schluckt, ist das grausame Ende eben­so prädes­tiniert wie die Belan­glosigkeit des Einzelschick­sals. Die Kom­po­si­tion ent­larvt die rou­tinierte Mord­mas­chine als sklavis­che Exeku­tive ein­er ewig rat­tern­den Verwertungsindustrie.
Die bei­den großen Orch­ester­w­erke, dirty angel (2010) und love­ly mon­ster (2009), begeben sich laut­ma­lerisch auf die Suche nach den intro­spek­tiv­en Ursprün­gen der äußer­lichen Repräsen­ta­tio­nen. Love­ly mon­ster ist ähn­lich wie khul geprägt von einem ele­mentaren inneren Kon­flikt: Zwei durch unter­schiedliche Tak­tarten sym­bol­isierte Mon­ster treten gegeneinan­der an. Da keines die Ober­hand gewin­nen kann, scheint am Ende die Vere­ini­gung zu ste­hen, auch wenn diese genau­so rück­sicht­s­los und unsen­si­bel ver­läuft wie der vor­ange­gan­gene Zwist. Dirty angel macht kle­in­ste Motive der Soloin­stru­mente Flügel­horn und Akko­rdeon zum Aus­druck des flat­tern­den Engels, der vom Orch­ester mit har­ten Schlä­gen auf Blech und Aus­brüchen in tief­ster Lage auf dem Boden gehal­ten wird. Erst müh­sam kann er sich befreien und am Ende, wenn auch blessiert, so doch friedlich davon­fliegen – trotz all der düsteren Far­ben, mit denen Gan­der seine Krea­turen malt, beste­ht die Hoff­nung auf ein Hap­py End fort.

Patrick Klingenschmitt