Kreidler, Johannes

Musik mit Musik

Texte 2005-2011

Verlag/Label: Wolke, Hofheim 2012, 253 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/06 , Seite 91

«Ein solides Handw­erk nutzt nur da, wo es egal ist. Jede Kom­po­si­tion ist eine Weit­erkom­po­si­tion. Wer für Geige schreibt, schreibt ab.» Johannes Krei­dler ist ein Pro­voka­teur. Die Berlin­er Phil­har­monie beze­ich­net er als «Alter­sheim». Kom­po­si­tio­nen für klas­sis­che Instru­mente find­et er nicht mehr zeit­gemäß. Die Neue Musik bräuchte keinen weit­eren Hel­mut Lachen­mann, son­dern drin­gend neue kün­st­lerische Ansätze, frische Klänge, unver­brauchte Mate­ri­alien. Behil­flich dabei sind die dig­i­tal­en Medi­en: Lap­tops, MP3-Play­er, Smart­phones, Video­plat­tfor­men, das Inter­net und die Clouds – ihnen könne man sich heutzu­tage nicht mehr entziehen. Diesen Zus­tand müsse auch die Musik reflek­tieren, glaubt der 1980 geborene Kom­pon­ist, der seine Stücke auss­chließlich am Com­put­er schreibt, eine Arbeitsweise, die er «Musik mit Musik machen» nen­nt.
Krei­dler arbeit­et mit Klang­dateien, mit so genan­nten Sam­ples. Sein Buch Musik mit Musik ist ein Plä­doy­er für eine Ästhetik «des Aneignens und Verän­derns». Für ihn gibt es keine neuen Klänge. Ihm kommt es vielmehr darauf an, wie man mit dem beste­hen­den Klang­reservoir umge­ht. Wenn man für ein Stück eine Orch­ester­par­ti­tur brauche, so möge man sich ein­fach ein­er beste­hen­den Par­ti­tur bedi­enen, sie sam­peln und in sein Stück einar­beit­en. Im Umfeld der neuen Musik sorgt diese Arbeitsweise für Aufre­gung und ent­fachte kon­tro­verse Dis­pute, die in Krei­dlers vorherge­hen­der Pub­lika­tion – Mu­sik, Ästhetik, Dig­i­tal­isierung – aus­führlich disku­tiert wor­den sind. In der Pop­musik hinge­gen ist die Ver­wen­dung von Sam­ples schon längst etabliert. So hält sich beim Lesen von Musik mit Musik der Ein­druck, es mit Grabenkämpfen zu tun zu haben, die ander­swo schon längst über­wun­den wor­den sind.
Krei­dler, der an der Musikhochschule Freiburg studierte, Meis­terkurse bei Hel­mut Lachen­mann besuchte und als Lehrer tätig war, ver­ste­ht die Dig­i­tal­isierung als Chance, Musik neu zu denken, als Möglichkeit, den kon­ser­v­a­tiv­en Habi­tus der Akademien hin­ter sich zu lassen, aus dem voll­ständig sich zu lösen er allerd­ings auch Schwierigkeit­en hat: «Eine Luft­geräuschanord­nung auf der Kon­tra­bassklar­inette [kann] eben­so wie eine tonale Punkpas­sage Neue Musik sein», schreibt er. Und der Rezensent wun­dert sich. Kann Punk nicht ein­fach Punk sein und trotz­dem im Kon­text der neuen Musik auftreten? Ein­er der vie­len Vorteile des Inter­net ist doch, dass es Hier­ar­chisierun­gen abgeschafft hat. Erik Satie, die Sex Pis­tols, Madon­na und Kai­ja Saari­a­ho – im World Wide Web sind sie nur wenige Mausklicks voneinan­der ent­fer­nt.
Auf über 200 Seit­en in mehr als zwanzig Essays disku­tiert Krei­dler in Musik mit Musik seine Ideen. Einige der Auf­sätze wur­den bere­its veröf­fentlicht. Das Spek­trum reicht vom musik­wis­senschaftlichen Fach­magazin bis hin zum gewöhn­lichen Blo­gein­trag. Krei­dler ver­ste­ht es, sehr unter­halt­sam zu schreiben. Auf­fäl­lig ist der Ton­fall des Kom­pon­is­ten, in dem er seine Leser zum Umdenken auf­fordert. Sein Sendungs­be­wusst­sein ist ansteck­end. Kom­plexe Zusam­men­hänge illus­tri­ert er in klaren Worten und schreibt humor­voll und pack­end. Auch wenn manch­es nicht ganz stim­mig erscheint – man wird immer wieder zum Nach­denken angeregt. Und das ist sehr viel wert.

Raphael Smar­zoch