Lampson, Elmar

Mysterienszenen «… wie ein zarter Duft, ein Luftzug.»

Verlag/Label: col legno WWE 1CD 20407
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/01 , Seite 78

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 3
Book­let: 5

Rudolf Stein­ers Mys­te­rien­dra­men erzählen von der intro­spek­tiv­en Reise zum Selb­st. Para­belar­tig begleit­en sie mehrere Fig­uren, die alle auf ihre Weise um exis­ten­zielle Erken­nt­nis rin­gen, auf dem Weg vom reg­ulär zugänglichen Bere­ich der Welt in das geheime Reich der Geis­ter und Sylphen. Für eine Neuin­sze­nierung des Büh­nen­stücks 2010 am Goetheanum in Dor­nach (Schweiz) kom­ponierte Elmar Lamp­son dazu seine Mys­te­rien­szenen, die in all jenen Pas­sagen erklin­gen, in denen den Fig­uren die Worte ver­sagen und sich eine «visionäre Schau­ung» einstellt.
Die Mys­te­rien­szenen sind also keine Ver­to­nung der Vor­lage gewor­den, vielmehr bietet diese dem Kom­pon­is­ten einen «Res­o­nanzraum», in dem er mit Hil­fe seines ganz eige­nen kom­pos­i­torischen Vok­ab­u­lars auf sie reflek­tieren kann. Bewusst kom­biniert Lamp­son dabei Dreik­lang­shar­monik mit Atonalem und Geräuschhaftem, wom­it er ein­er­seits den in den Dra­men angelegten musikalis­chen Ele­menten entspricht. Gle­ichzeit­ig gelan­gen so die unter­gründig stat­tfind­en­den Transforma­tions­prozesse an die klan­gliche Ober­fläche. Tonartwech­sel unterteilen die Szenen in mehrere Abschnitte und sig­nal­isieren hand­lungsim­ma­nent jew­eils eine neue Erkenntnisstufe.
Ins­ge­samt ste­ht die Musik fun­da­men­tal im Dienst der drama­tis­chen Vor­lage, aus der allein sich die Regeln ihrer Kon­sti­tu­tion ableit­en: Melodisch dominiert eine zur Tran­szen­denz prädes­tinierte Flöte, der Orch­ester­ap­pa­rat reduziert sich zu Beginn auf im Hin­ter­grund oszil­lierende Klangflächen, mit denen der Solopart nur sel­ten in Dia­log tritt. Wenige Motive bilden durch Wieder­hol­ung, Entwick­lung und Vari­a­tion den Kern des gesamten Werks. Darüber hin­aus dienen weit­ere klan­gliche Effek­te, wie die großen Thai-Gongs in den «Tem­pel­szenen», der ono­matopo­et­is­chen Aus­gestal­tung. Im Ver­lauf gewin­nt das Tut­ti immer mehr an Bedeu­tung, die Har­monik wird frag­men­tiert und das Tem­po gesteigert, bis sich «Im Geist­ge­bi­et», dem let­zten Satz, schließlich die Solostimme darin auflöst – ana­log dem Indi­vidu­um im Chor der antiken Tragödie. Die Suite zeich­net so den dra­matur­gis­chen Bogen von Stein­ers Mys­te­rien­dra­men nach, ohne dass der Hör­er diese tat­säch­lich ken­nen müsste. Die Musik kann für sich allein ste­hen und lädt durch ihren starken ges­tischen Habi­tus zu eige­nen Inter­pre­ta­tio­nen und Assozi­a­tio­nen ein.
Wo der Wille zur drama­tis­chen Kon­se­quenz und zum Aus­loten der Gren­ze zwis­chen ern­st­ge­mein­ter Eso­terik und Kitsch inner­halb der Kom­po­si­tion pos­i­tiv auf­fällt, ist es umso bedauer­lich­er, dass bei der Abmis­chung der Auf­nahme nicht auf einen allzu entrück­ten Charak­ter verzichtet wurde. Das Soloin­stru­ment wird stark in den Vorder­grund gemis­cht und unnötiger­weise mit Hall verse­hen. An entsprechen­der Trans­parenz, um die fil­igra­nen mikro­tonalen Bewe­gun­gen und geräuschhaften Anteile im Ensem­ble dif­feren­ziert hören zu kön­nen, fehlt es lei­der völ­lig. Hier hätte ein natür­licher­er Klang dem Stück sicher­lich gut getan, und die her­vor­ra­gende Leis­tung des Solis­te­nensem­bles des Inter­na­tionalen Mahler Orch­esters unter der Leitung von Yoel Gam­zou wäre noch bess­er zur Gel­tung gekommen.

Patrick Klingenschmitt