Drees, Stefan (Hg.)

Neugier ist alles

Der Komponist Detlef Glanert

Verlag/Label: Wolke, Hofheim 2012, 288 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/06 , Seite 92

Es wird kaum einen leben­den Kom­pon­is­ten geben, der sich so sehr der Oper wid­met wie Detlef Glan­ert. Seine Orte sind nicht die Donaueschinger Musik­tage, nicht die Darm­städter Ferienkurse oder die Maerz­Musik. Nein, sie heißen: Großes Schaus­piel­haus Frank­furt am Main, Lan­desthe­ater Linz oder Opern­haus Nürn­berg. Angesichts der Dom­i­nanz von Glan­erts Opern­schaf­fen ver­wun­dert es nicht, dass dieses im Zen­trum des Sam­mel­ban­des ste­ht, sowohl werk- als auch kon­textbe­zo­gen.
So kon­tro­vers der Fall Glan­ert auch vom «Feuil­leton-Trot­tel» (Glan­ert) disku­tiert wird: eine kri­tis­che und red­liche Kun­stauf­fas­sung kann man dem 1960 in Ham­burg Gebore­nen nicht absprechen. Kaum ist zu über­lesen, dass sich Glan­ert seine Gedanken macht über Kul­tur­poli­tik als Schnittmenge von Kun­st und Gesellschaft. Die Zustände an den Opern­häusern scheinen noch weitaus schlim­mer als der unerträgliche Zus­tand in öffentlichen Rund­funkanstal­ten mit Kul­tur- und ohne Quote­nauf­trag. Gel­tungssüchti­gen Inten­dan­ten begeg­net Glan­ert in seinem Meti­er, die nur deshalb etwas Zeit­genös­sis­ches auf den Spielplan set­zen, damit die Presse von ihren per­sön­lichen Inno­va­tio­nen berichtet. Stre­ichkonz­erte gehören offen­bar eben­so zum Oper­nall­t­ag wie die Anbiederung an die Touris­mus­lob­by. Wenn sich eine Lücke fürs Zeit­genös­sis­che auf­tut, ste­ht die Pro­duk­tion von vorn­here­in unter unguten Vorze­ichen. In seinem im Sam­mel­band erst­mals pub­lizierten Text «Sieben Wün­sche» (ursprünglich eine Rede vor dem Deut­schen Büh­nen­vere­in im Jahr 2009) gibt Glan­ert erschreck­ende Ein­blicke in den Opern­be­trieb. Er beklagt nicht gele­sene Briefe, nicht gehal­tene Ver­sprechen, unverabre­dete Kürzun­gen in Par­ti­turen und sog­ar, man höre und staune, Regis­seure, Büh­nen- und Kostüm­bild­ner, die sich «aus­drück­lich weigern», mit Kom­pon­is­ten zu reden!
Auch wenn einiges über die Opern und manch­es (lei­der auch mit Wieder­hol­un­gen Durch­set­ztes) über Glan­erts Orch­ester­w­erke und Kam­mer­musik zu erfahren ist – seinen beson­deren Wert ver­dankt das Buch der Tat­sache, dass Glan­ert so etwas wie ein let­zter Dinosauri­er zu sein scheint. Nach der Lek­türe des gut redigierten Buchs darf man sich von den Opern­häusern heuti­gen Zuschnitts nicht mehr viel für die Zeit­genös­sis­che Oper erwarten. Glan­ert erwäh­nt, dass in der Spielzeit 2006/07 von ins­ge­samt 10283 Musiktheater­aufführungen lediglich 355 Urauf­führungsvorstel­lun­gen waren. Selb­st ein Kom­pon­ist, dessen kün­st­lerische Posi­tion gewiss nicht der eines Radikalen entspricht, neigt angesichts zu viel­er «Kun­stver­wal­ter» zum wohl for­mulierten Defätismus: «Der Kun­stver­wal­ter möchte seinem Städtchen aufhelfen: Es gilt, neue Gelder in den Touris­mus zu steck­en, in Musi­cals, Stadt­teil­feste, Jubiläen, Oster-, Wei­h­nachts-, Som­mer-, Win­ter-, Jahrmärk­te, es gilt überre­gionale Begeg­nun­gen mit inte­gri­ert­er Würstchen­bude und regionalem Bar­den­sang zu ermöglichen, jede Minorität braucht ihre Ver­sorgung mit nicht allzu schwieriger Kun­st, kurzum, es gilt Geld zu steck­en in alles, was er, der Beamte, mit seinem lan­gen Fin­ger als Kul­tur zu beze­ich­nen gedenkt …»

Torsten Möller