Sciarrino, Salvatore

Quartetto N. 7 / Quartetto N. 8 / Sei quartetti brevi

Verlag/Label: Kairos CD 0013212KAI
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/04 , Seite 82

Das Staunen, das gewisse Werke in uns her­vor­rufen, ver­an­lasse uns zu hof­fen, sie mögen der Vergänglichkeit entrin­nen, wün­scht sich Sal­va­tore Scia­r­ri­no im Ein­gang des Book­lets. Man ist geneigt, im Falle sein­er Musik nicht nur den Wun­sch, son­dern auch die Hoff­nung zu teilen angesichts des unver­wech­sel­baren Per­son­al­stils des ital­ienis­chen Kom­pon­is­ten. Auch wenn es dann eher sein Musik­the­ater sein dürfte, das in Zukun­ft der Vergessen­heit trotzt, und nicht seine Kam­mer­musik, sind ger­ade Scia­r­ri­nos Stre­ichquar­tette einzi­gar­tige Exponate sein­er Ästhetik, ein Labor zise­liert­er Tech­niken und Farben.
Den­noch hat nicht sel­ten der Umgang mit der Stimme die Kam­mer­musik bee­in­flusst und nicht umgekehrt. So auch im siebten Quar­tett (1999): Dessen Nähe zur Oper Luci mie tra­ditri­ci (1997/98) ist nicht nur zeitlich evi­dent, son­dern auch klan­glich spür­bar in ein­er Gestik, die der implo­siv­en Dra­matik der Vokalbe­hand­lung deut­lich nachemp­fun­den scheint – ein instru­men­tales The­ater der Andeu­tung, das sich in leisen Seufz­ern, fil­igranem Beben und brüchi­gen Motivs­plit­tern erge­ht und dabei ver­ständlicher­weise auf jede Vir­tu­osität verzicht­en muss.
Eine kon­se­quente Weit­er­en­twick­lung und Ver­feinerung von Scia­r­ri­nos ver­huschter Affekt-Gestik ist das Quar­tet­to N. 8 (2008), das mit frag­men­tarischen Unisono-Bewe­gun­gen aufwartet, als solle hier mit ein­er Stimme ver­schieden­far­big gesprochen wer­den. Diese Klang-Kalligrafie im Flüster­ton erzeugt Tex­turen, die zum Zer­reißen dünn sind und doch immer ihre (Innen-)Spannung aufrecht und den Hör­er in Atem hal­ten. Das kann am Ende ätzende Schraf­furen aus­prä­gen und Scia­r­ri­nos melan­cholisch um sich selb­st kreisende Intro­ver­sion über­raschend vehe­ment ver­lassen, um bedrohliche Steigerun­gen zu entwickeln.
Ein Viertel­jahrhun­dert Kom­po­si­tion spiegeln die Sei quar­tet­ti bre­vi (1967–92) wider, deren stilis­tis­che Diver­genz vom Autor bewusst erhal­ten wurde. Mit ihren zise­lierten Geräusch­far­ben und flüchti­gen Gesten erscheinen die sechs Minia­turen wie Etü­den von Scia­r­ri­nos Klangtech­niken in Reinkul­tur und sind nicht von unge­fähr Hel­mut Lachen­mann und Fran­co Evan­ge­listi gewid­met. Das Quar­tet­to Prom­e­teo zeigt in diesen ober­ton­re­ichen Klang­bildern noch ein­mal beson­ders ein­drucksvoll, mit welch fein­er Nadel diese Kam­mer­musik gestrickt ist, und erweist Scia­r­ri­nos Auf­fas­sung vom Musizieren alle Ehre: «Sich sel­ber, den Ort und die Zuhör­er zu ver­wan­deln, ist das min­deste Interpretationsniveau »

Dirk Wieschollek