von Bredow, Moritz

Rebellische Pianistin

Das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York

Verlag/Label: Schott, Mainz 2012 | 386 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/05 , Seite 91

«Sie war eine unglaublich starke Per­sön­lichkeit. Das zu ertra­gen, was sie erlebt hat …» Nach der Lek­türe des Buch­es kann man dem Tänz­er Mer­ce Cun­ning­ham, der mit John Cage zu Grete Sul­tans eng­stem Fre­un­deskreis in den USA gehörte, nur beipflicht­en. Das mörderische Jahrhun­dert zweier Weltkriege und der infam­sten Pogrome aller Zeit­en hat die aus Deutsch­land ver­jagte Pianistin kom­plett durch­lit­ten. Wobei sie ihren inneren Halt nie ver­lor. Ihre geistige Welt ret­tete sie hinüber ins Exil. Mit Bachs Gold­berg-Vari­a­tio­nen und Beethovens Dia­bel­li-Vari­a­tio­nen als Grund­festen eines erlese­nen Reper­toires, das von Fres­cobal­di bis zu Hen­ry Cow­ell und Aaron Cop­land reichte und – in ihren 70er und 80er Leben­s­jahren! – in den Etudes Aus­trales von John Cage gipfelte, dem Ver­mächt­nis ihres getreuen Schachspiel-Part­ners. Wer sich ihrer gemein­samen Auftritte 1975 bei «pro musi­ca nova» in Bre­men oder 1991 bei «Aspek­te Salzburg» erin­nert, dem bleibt die in sich gekehrte, doch (laut Theodor W. Adorno) inner­lich rebel­lis­che Pianistin eben­so unvergesslich wie die leise Ver­schmitztheit ihres dem kalkulierten Zufall ergebe­nen Geistesfreundes.
Ein­er ihrer nachge­bore­nen Bewun­der­er ist der Ham­burg­er Kinder­arzt Moritz von Bre­dow. Während sein­er mehrjähri­gen Recherchen kon­nte er die Greisin noch öfter befra­gen – wun­der­bare Begeg­nun­gen, die er dem Leser mit dem unsen­ti­men­tal­en Blick des ästhetisch sen­si­blen Arztes nahe­bringt. Sein Buch begin­nt wie ein Doku­men­tarfilm: «Novem­ber 2002: Grete Sul­tan ist beina­he hun­dert Jahre alt und schon seit langem die älteste Bewohner­in des West­beth Artists’ Hous­ing im west­lichen Teil des New York­er Kün­stlervier­tels Green­wich Vil­lage. Sie sitzt im Korb­stuhl am Fen­ster ihrer Woh­nung, deren Zen­trum zwei Flügel bilden. Die Pianistin wirkt klein, ihr Rück­en ist gebeugt, sie umfasst auch im Sitzen ihren Stock. Aber sie lächelt, hell und klar sind ihre Augen, ihre Stimme beina­he mäd­chen­haft … Knor­rig gebo­gen sind die Fin­ger, die bläulichen Venen liegen wie Per­len­schnüre unter der Haut, knotig verdickt die Gelenke. In diesen Hän­den, mit denen Grete Sul­tan seit mehr als neun­zig Jahren Klavier spielt, konzen­tri­eren sich ihr Aus­druck und ihre Kraft, ihre Sprache, Mimik und Gestalt.»
Wom­it schon alles Wesen­hafte über die Kün­st­lerin gesagt ist. Dem kul­tur­tra­gen­den jüdis­chen Großbürg­er­tum Berlins entstam­mend, ertrug sie die unwürdig­sten Leben­sum­stände in unbeugsamer Würde: Entrech­tung und Ver­fe­mu­ng durch die NS-Behör­den, Lehr- und Auftrittsver­bot, let­zt­mögliche Flucht nach Liss­abon im plom­bierten Reichs­bahnzug, Atlantik-Über­­querung im voll­gepfer­cht­en See­len­verkäufer, müh­samer Neube­ginn in ein­er frem­den Welt. Wo ihr alte Fre­unde zur Seite standen. Darunter die schon vorher emi­gri­erte dich­t­ende Päd­a­gogin Vera Lach­mann, eine Fre­undin aus Kinderta­gen. Und ihr erster Klavier­lehrer, der Amerikan­er Richard Buh­lig. Auch ihr großer Kol­lege und Förder­er Clau­dio Arrau, der 1935 in Berlin an zwölf Aben­den Bachs gesamtes Klavier­w­erk gespielt hat­te. Ihre Fre­und­schaft währte an die siebzig Jahre. Ihm und anderen wichti­gen Wegge­fährten und Lehrern (Leonid Kreutzer, Edwin Fis­ch­er, John Cage) wid­met der Autor auf­schlussre­iche Seit­en­blicke. Des­gle­ichen den kul­tur- und zeit­geschichtlichen Aspek­ten ihrer Biografie. Stich­worte: Berlin­er Musik­leben zum Jahrhun­dert­be­ginn, Musik im NS-Staat, Schick­sale der Eltern, Geschwis­ter und Ver­wandten, Ein­wan­derungs­land USA, späte Würdi­gung in Deutschland.

Lutz Lesle