Replace

Stücke von Denise Ritter, Nicolas Wiese, Matthias Ockert, Marcus Beuter, Nikolaus Heyduck, Sam Auinger, Bernd Leukert, Sciss, Jan Jacob Hofmann, Frank Niehusmann, Michael Harenberg, Kirsten Reese, Ludger Kisters und SA/JO

Verlag/Label: DEGEM CD 10
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/05 , Seite 87

Musikalis­che Wer­tung: 3
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 2

Wie viel utopis­ches Poten­zial in elek­tro­n­is­ch­er, in elek­troakustis­ch­er Musik oder in der Musique con­crète gebor­gen liegt, ist eine Frage, die man wohl am besten so beant­wortet wie Frank Niehus­mann. Denn er ren­nt erst gar nicht der Schimäre nach, es gäbe die musikalis­che Utopie, also etwas wie den Ide­alzu­s­tand von Musik. Wozu auch?
Zu seinem fünf Minuten dauern­den Hörstück uDa­ta auf der vor­liegen­den CD schreibt Niehus­mann daher: «Ist es über­haupt notwendig, die Art und Weise der Ausübung von Musik als Utopie oder Dystopie zu for­mulieren? Ste­hen nicht die Geschicht­en, die erzählt wer­den, im Vorder­grund?» Man mag ihm gerne zus­tim­men in Anbe­tra­cht des intellek­tuellen Eier­tanzes im Miniatur­for­mat, der im Book­let­text um den Begriff der kün­st­lerischen Utopie aufge­führt wird, um schließlich – mit einigem Ächzen im argu­men­ta­tiv­en Gebälk – zum Begriff der poli­tis­chen Utopie zu gelan­gen, der wiederum in eini­gen der vierzehn Hörstücke, Kom­po­si­tio­nen, Sound­col­la­gen mit den unter­schiedlich­sten, wohl musikalisch zu nen­nen­den Mit­teln unter­sucht respek­tive ver­han­delt wird.
Frank Niehus­mann nun lässt in seinem Stück die Worte «search, scan, read, for­mat, upload, exe­cute, update, eval­u­ate, delete (for escape)» skandieren und bet­tet sie ein in ihr klan­glich struk­turi­ertes Ab- und Gegen­bild. Man muss das nicht als die «tran­shu­man­is­tis­che Ver­sion der Mär vom ewigen Le­ben» lesen, wie Niehus­mann iro­nisch über­spitzt diese kom­pos­i­torische Arbeit beschreibt. Man kann es ein­fach als Sound-Short­sto­ry lesen, gefer­tigt mit spielerischem Ernst und gutem Gespür dafür, wie lange das musikalis­che Mate­r­i­al trägt.
Dur­chaus heit­er-iro­nisch auch das Stück Rhein­harfe von Sam Auinger. Mit ein­er Wasser­harfe porträtiert Auinger das Fließen und Strö­men des Rheins, rückt mit dieser klan­glichen Trans­for­ma­tion von natür­lichen Sounds die Para­doxa in den Fokus, dass der Fluss und sein Klang niemals gle­ich und doch immer diesel­ben sind. Dass Auinger neben­bei mit der Allu­sion an das Vor­spiel zu Richard Wag­n­ers Rhein­gold noch eine iro­nis­che Volte implantiert, ist im besten Sinne gewitzt und nicht so gewollt bedeu­tungss­chw­er wie einiges andere, das auf dieser CD zu find­en ist.
Denn liest man nicht, was sich manch eine Kom­pon­istin, manch ein Kom­pon­ist gedacht hat, bevor ans musikalis­che Werk gegan­gen wurde, liest man also nicht, bevor man hört, dann wird man wohl nicht das hören, was man hören soll. So beschle­icht einen bisweilen der Gedanke, es mit klan­glich­er Bebilderung, mit klan­glich­er Möblierung philosophis­ch­er Über­legun­gen wozu auch immer zu tun zu haben. Zu den weni­gen Aus­nah­men neben den Stück­en von Niehus­mann und Auinger zählen Kirsten Reeses Kurzes Hörstück über das Ende des Kap­i­tal­is­mus und «Mikroklang­M­i­lieu BLAU» aus MicroSon­i­cal Shin­ing Bios­pheres No. 1 von SA/JO.

Annette Eckerle