Möller, Torsten

Riesige Materialsammlung

Eine DVD-audio zur Ars Acustica – Ars Intermedia

Verlag/Label: Schott Music NZ 5025
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 79

Wenn die Donaueschinger Musik­tage der Katalysator neuer kom­poniert­er Musik sind, so ist das beim WDR behei­matete Stu­dio Akustis­che Kun­st die Brut­stätte eines imma­nent radio­pho­nen Gen­res. 1969 wurde das Stu­dio unter Leitung Klaus Schön­ings gegrün­det und hat bis zum heuti­gen Tage unzäh­lige Werke pro­duziert, die schw­er auf einen Nen­ner zu brin­gen, irgend­wo zwis­chen Klangkun­st, Musik, Hör­spiel und Lit­er­atur ange­siedelt sind. Gäste des Stu­dios kamen aus aller Her­ren Län­der: darunter so promi­nente Namen wie John Cage, Pierre Hen­ry, Mauri­cio Kagel, Luc Fer­rari, Vinko Globokar oder aus dem weniger kom­po­si­tion­s­geprägten Milieu Friederike Mayröck­er, Ernst Jan­dl oder der Laut­po­et Carl­friedrich Claus.
Mit allen Genan­nten (und vie­len anderen) hat Klaus Schön­ing im Lauf sein­er Redak­tion­sleitung von 1969 bis 2001 gesprochen. Her­aus­gekom­men ist ein umfassendes Kom­pendi­um in Form ein­er DVD audio, die aus­ge­sprochen nutzer­fre­undlich gestal­tet ist: In Form ein­er Web­site erscheinen Fen­ster zu jedem Kom­pon­is­ten, inner­halb der­er schriftliche Zusam­men­fas­sun­gen der jew­eili­gen Werke zu find­en sind. Aus­führlich­er informieren dann die unter «Hör­räume» abruf­baren Gespräche. Zusät­zlich gibt es die Rubrik «Empfehlun­gen» mit Ver­weisen auf CDs mit den besproch­enen Arbeit­en. Wer sich auf der Zug­fahrt oder beim Wan­dern inspiri­eren lassen will, kann die Gespräche mit den ins­ge­samt knapp fün­fzig Kün­stlern als iPod mit auf die Reise nehmen.
Von der Form zum Inhalt: Wesens­be­d­ingt sind die Inter­views radio­phon angelegt. Das heißt, dass anders als in Textform nicht mit kom­prim­ierten Inhal­ten zu rech­nen ist. Biografis­ches «Bei­w­erk» als Ein­stieg für den inter­essierten Radio­hör­er spielt oft eine Rolle, so zum Beispiel in Klarenz Bar­lows Kom­mentaren zu seinem 1980 beim WDR pro­duzierten «CCU Metrop­o­lis Cal­cut­ta». Als nicht unprob­lema­tisch erweist sich die «offen­sive» Inter­viewführung Klaus Schön­ings, der zu sel­ten die Muße hat, sein Gegenüber aussprechen zu lassen und oft mit unnötig lan­gen Kom­mentaren einen möglichen Fluss unter­bricht. Ein Gespräch mit Luc Fer­rari, das zudem par­tiell über­set­zt wird, wird so zu einem hek­tis­chen Hin und Her, das den von Schön­ing beschriebe­nen «beson­deren Wert» des Gesproch­enen, näm­lich dessen ganz «eigene, unver­wech­sel­bare Artiku­la­tion» und einen «über das Geschriebene hin­aus­ge­hen­den Klangsinn» hemmt.
Das Ver­di­enst der riesi­gen Mate­ri­al­samm­lung schmälert das wenig. Zu Recht schreibt Schön­ing im beiliegen­den Text, dass es sich um eine Doku­men­ta­tion han­delt, die geprägt ist von «Reflex­ion und tas­ten­dem Auf­bruch in die weite ‹ter­ra incog­ni­ta›». Diese kann nun sowohl der inter­essierte Laie als auch der Wis­senschaftler durchs gesproch­ene Wort erkun­den. Wer bei all den Worten ver­ständlicher­weise Lust bekommt, akustis­che Kun­st diret­tis­si­ma zu hören, kann auf die Wer­go-CD-Edi­tion «Ars Acus­ti­ca» zurück­greifen. Viele der auf der DVD besproch­enen Werke sind hier in Gänze aufgenom­men.

Torsten Möller