Schönberg: Violin Concerto | Adorno: Six Orchestral Pieces | Stravinsky: Firebird Suite

Verlag/Label: TYXart TXA 12004
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/06 , Seite 78

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 2

Wegen sein­er exor­bi­tan­ten spiel­tech­nis­chen Anforderun­gen wagen sich die wenig­sten Vir­tu­osen an das Vio­linkonz­ert, das Arnold Schön­berg seinem Schüler Anton Webern wid­mete. 1934 bald nach sein­er Emi­gra­tion begonnen und 1936 vol­len­det, von Jascha Heifetz für unspiel­bar erk­lärt, nahm sich Louis Kras­ner – amerikanis­ch­er Geiger ukrai­­nischer Herkun­ft, dem Alban Berg 1935 sein Vio­linkonz­ert Dem Andenken eines Engels schrieb – des Werks an und brach­te es 1940 in Philadel­phia zur Urauf­führung. «Ich freue mich, ein weit­eres unspiel­bares Stück ins Reper­toire gebracht zu haben», quit­tierte Schön­berg Heifetz’ Absage. «Ich will, dass dieses Konz­ert schwierig ist und der kleine Fin­ger länger wird. Ich kann warten.» Schließlich sei es «ein­er zukün­fti­gen Rasse Geiger mit sechs Fin­gern» zugedacht.
Die blendende geor­gis­che Geigerin Liana Issakadze – Meis­ter­schü­lerin von David Ois­tra­ch, Preisträgerin der ranghöch­sten Vio­lin­wet­tbe­werbe, Fixstern am Geigen­him­mel der UdSSR, seit 1990 «im West­en» lebend – machte sich Schön­bergs Her­aus­forderung an die geigerische Nach­welt so lock­er und leicht, behände und geist­sprühend zu eigen, dass man trau­rig wird, wenn man liest, der Kom­pon­ist habe es niemals im Konz­ert­saal gehört. Das Moskauer Sin­fonieorch­ester unter Alex­ei Kornienko bietet der Solistin just die orches­trale Klan­gau­ra, schafft ihr das art­gerechte Biotop, darin ihre fein­nervige, dynamisch aus­gewuchtete, ziel­stre­bige und wirkungssichere, doch effek­thaschen­der Äußer­lichkeit­en gän­zlich abgeneigte Inter­pre­ta­tion­skun­st behei­matet ist und sich zu schön­ster Blüte ent­fal­tet.
Wiewohl nach den Regeln der Zwölfton-Rei­hen­tech­nik gebaut, ges­tat­tet sich Schön­berg nicht nur die Frei­heit, einzelne kurze Motive zu wie­derholen, son­dern auch for­male Anlehnun­gen an die Gat­tungstra­di­tion. Das «Andante grazioso» wiegt sich im Walz­er­rhyth­mus, im Finale schwingt sich die Vio­line auf das Hoch­seil ein­er aben­teuer­lichen Solokadenz. Dabei hal­ten sich alle The­men an die (gegebe­nen­falls transponierte) Grun­drei­he und ihre De­rivate. Das in den Bläsern dreifach beset­zte, mit Pauken, Schlagzeug, Xylo­fon und Glock­en­spiel bestück­te Orch­ester rollt der dominieren­den Solostimme einen far­ben­fro­hen Tep­pich aus.
Macht sich Schön­bergs Vio­linkonz­ert im Musik­leben der Gegen­wart rar, so blüht eine kom­pos­i­torische Jugend­sünde des Sozial­philosophen Theodor W. Adorno, der bei Alban Berg Unter­richt nahm, vol­lends im Ver­bor­ge­nen: die Sechs kurzen Stücke op. 4. Dem Geist der Neuen Wiener Schule ergeben, entwick­eln sie – wie ihre pflegliche Wieder­erweckung durch Kornienko und die Moskauer Sym­phoniker hören lässt – bei aller kon­struk­tiv­en Askese doch ei­nen Schön­heitssinn, der quer ste­ht zum Wahrheits­ge­bot sein­er späteren Philoso­phie der neuen Musik, welche «stach­lige» Werke ver­langt.
Wie Bal­sam legt sich am Ende Straw­in­skys Bal­lett-Suite Der Feuer­vo­gel auf die spröde Schön­heit Schön­bergs und Adornos. Mit magis­chem Anhauch zitieren die Russen die kon­trären Sphären des guten Feuer­vo­gels und des bösen Herrsch­ers Kastchei her­bei – seinen ver­fänglich duf­ten­den Zauber­garten, den betören­den Tanz der Prinzessin­nen, den höl­lis­chen Tanz der Unter­ta­nen, das liebliche Wiegen­lied und das fes­tliche Finale mit seinem licht­en Horn­the­ma.

Lutz Lesle