Englund, Axel

Still Songs: Music In and Around the Poetry of Paul Celan

Verlag/Label: Ashgate Publishing, Farnham (GB) 2012, XII + 239 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/06 , Seite 94

Die Sekundär­lit­er­atur über den Dichter Paul Celan (1920–70) ist heute selb­st für Fach­leute kaum mehr über­schaubar, und auch zum The­ma der Musik in seinen Dich­tun­gen gibt es eine Rei­he von Spezialun­ter­suchun­gen. Zudem dürfte Celan der neben Bertolt Brecht meistver­tonte deutsche Dichter des 20. Jahrhun­derts sein, obwohl die von vie­len Forsch­ern ihm attestierte sprach­liche Musikalität Kom­pon­is­ten eigentlich eher abschreck­en sollte – das Gegen­teil ist der Fall (vgl. dazu meinen Beitrag «Celan» in der 2. Auflage der MGG). Die The­men­stel­lung des Stock­holmer Ger­man­is­ten Axel Englund ver­spricht also inter­es­sante Deu­tun­gen schon allein wegen ihrer Unvor­ein­genom­men­heit der Betra­ch­tung von ein­er aus­ländis­chen Per­spek­tive aus, also nicht belastet durch deutsche, geschichtlich bed­ingte Befind­lichkeit­en.
Celan selb­st sagte einst über seine Gedichte: «Diese Texte sind musikalisch gefügt und haben auch ihre musikalis­che Dra­maturgie» (S. 1), doch macht Englund schlüs­sig klar, dass Celans musikalis­che Titelun­gen wie Todesfuge oder Engführung keines­falls wörtlich, son­dern einzig metapho­risch zu ver­ste­hen sind; der Dichter kan­nte sich in musikalis­chen Din­gen gut genug aus, um die Vielschichtigkeit und Wider­sprüch­lichkeit dieser auf Dich­tun­gen ange­wandten Begrif­flichkeit­en selb­st zu einem Moment seines kün­st­lerischen Ver­fahrens zu machen. Eine «Fuge» ist polyphon, ein Text «monophon», damit fängt es schon an. Celan, so Englund, «nev­er had an inno­cent atti­tude to music» (S. 21), die häu­fi­gen Musik-Anspielun­gen bei ihm erscheinen reflek­tiert, gebrochen; die «Meis­ter aus Deutsch­land» sind eben nicht nur die großen Kom­pon­is­ten, son­dern auch die Täter von Auschwitz, und die Musikalität von Sprache ist ihm gle­icher­maßen prob­lema­tisch wie auch pro­duk­tiv (S. 221).
Textz­i­tate aus Volk­sliedern oder auch, wie im Gedicht Anaba­sis, aus Mozarts Kan­tate Exsul­tate, jubi­late ste­hen in einem viel­strängi­gen Bedeu­tung­sum­feld zwis­chen Rem­i­niszenz und Frag­würdigkeit. Hier liefert Englund nicht nur äußerst sub­tile und ken­nt­nis­re­iche Inter­pre­ta­tio­nen einzel­ner, vor allem weniger bekan­nter Gedichte Celans, son­dern auch sehr detail­lierte Analy­sen aus­gewählter Kom­po­si­tio­nen und ihres Ver­hält­niss­es zum Text. So mei­den die Todesfuge-Kom­pon­is­ten Tilo Medek und Har­ri­son Birtwistle ger­ade die Form der Fuge, während Paul-Heinz Dit­trich und Michael Den­hoff in ihren rein instru­men­tal­en Werken dem poet­is­chen, aber auch poli­tis­chen Gehalt der Gedichte nach­spüren. Tübin­gen, Jän­ner wiederum, das Hölder­lin-Gedicht Celans, erfährt durch Györ­gy Kurtág und Paul-Heinz Dit­trich ganz unter­schiedliche, gle­ich­wohl die Tiefen­struk­tur erfassende Deu­tun­gen.
Englund führt seine The­sen beispiel­haft an aus­gewählten Tex­ten und Musiken vor, er ver­mei­det jeglichen Ver­such ein­er enzyk­lopädis­chen Erfas­sung seines The­mas, was in diesem Rah­men auch unmöglich gewe­sen wäre. Wohl aber leis­tet er einen willkomme­nen Beitrag zu den ver­schiede­nen Ebe­nen sein­er Fragestel­lung der Musik «in und um» Celan, was es dem Leser ermöglicht, eigen­ständig weit­erzule­sen bzw. weit­erzuhören.

Hart­mut Lück