Hosokawa, Toshio

Stille und Klang, Schatten und Licht

Gespräche mit Walter-Wolfgang Sparrer

Verlag/Label: Wolke, Hofheim 2012 | 224 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/05 , Seite 90

Toshio Hosokawa befragt in sein­er Musik die Stille als den Urgrund alles Klin­gen­den. Er feiert mit sein­er Musik die Langsamkeit. Schnelle Musik, so sagt er, könne er nicht schreiben. Und nicht zulet­zt reflek­tiert Hosokawa in seinen Werken die zen­trale kul­turelle Idee Japans, die in der Natur keinen Gegen­satz zur Kun­st erken­nt, son­dern die Natur als Teil der Kun­st begreift und umgekehrt.
Aus europäis­ch­er Sicht mutet das exo­tisch an. Eine Biografie des Kom­pon­is­ten Toshio Hosokawa, Jahrgang 1955, zu schreiben, ist also ein heik­les Unter­fan­gen, soll die Exo­tismus­falle umgan­gen wer­den, soll also der ästhetisch-philosophis­che Ansatz der so genan­nten außereu­ropäis­chen Musik
(-wis­senschaft), mithin der eurozen­tris­tis­che Blick ver­mieden wer­den. Denn die Dinge, so wie sie nun ein­mal liegen, sind kom­pliziert. Hosokawa hat die europäis­che Kun­st­musik inten­siv in Europa, vor allem in Deutsch­land studiert. Wie vir­tu­os Hosokawa die japanis­che Art zu denken mit dem europäisch geprägten Avant­garde- respek­tive Musik­be­griff zu verknüpfen ver­ste­ht, macht den Reiz und das sin­guläre Pro­fil sein­er Musik aus.
Deshalb ist die vor­liegende Pub­lika­tion so begrüßenswert, ver­mei­det sie doch expliz­it die Posi­tion des «Von-oben-drauf-Schauens». Wal­ter-Wolf­gang Spar­rer hat sich für den direk­ten Weg entsch­ieden, für eine Serie von Gesprächen mit dem Kom­pon­is­ten. Spar­rer gibt die Deu­tung­shoheit nicht ein­fach aus der Hand. Er nimmt Hosokawa aber auch nicht in die Pflicht als Exeget der eige­nen Arbeit. Was Spar­rer an Vorar­beit, an Recherche, an Par­ti­turstudi­um geleis­tet hat, spiegelt sich in seinen Fra­gen an Hosokawa wieder. Und das ist viel. Wenn man so will, hat dieses Buch der Fra­gen denn auch etwas von einem Entwick­lungsro­man. Der Leser wird dabei mitgenom­men, von biografis­ch­er Sta­tion zu biografis­ch­er Sta­tion, von Entwick­lungsstufe zu Entwick­lungsstufe. Das erste Kapi­tel ist mit «Hiroshi­ma» über­schrieben. Spar­rer fragt hier als erstes nach Hosokawas früh­ester Erin­nerung, nach ersten musikalis­chen Ein­drück­en. So wird schon in diesem kleinen Kapi­tel mehr oder min­der das sozio-kul­turelle Tableau entwick­elt, auf dessen Basis Hosokawas Arbeit ruht. Dass diese sich an der Ober­fläche schein­bar ruhig entwick­elt während Stu­di­en­aufen­thal­ten in Berlin und in Freiburg im Breis­gau, mit Hil­festel­lung vor allem von Isang Yun und Klaus Huber, erfährt man in den fol­gen­den Kapiteln.
Wie kom­pliziert ver­flocht­en die Erfahrung von europäis­chem und japanis­chem Kom­ponieren im tra­di­tionellen Sinn bei Hosokawa gedacht wer­den muss, wird exem­plar­isch in jenen Kapiteln unter­sucht, die dem Kom­ponieren als Reflex auf Natur­phänomene gewid­met sind. Man lernt dabei einen Kom­pon­is­ten ken­nen, der trotz aller Ein­samkeitss­chmerzen zwis­chen glob­al­isierungs­gläu­bi­gen Land­sleuten sein Studi­um der geis­tes­geschichtlichen Tra­di­tio­nen Japans weit­er vorantreibt, dur­chaus vor dem Hin­ter­grund sein­er Stu­di­en europäis­ch­er Musik, all das, um den Begriff der Authen­tiz­ität sub­stanziell zu bewahren.
Ergänzt wer­den die Inter­views von einem Essay Hosokawas, Noten­beispie­len, Fotos und Wieder­gaben von klas­sisch-japanis­ch­er Kun­st sowie ein­er aus­führlichen Lebens-Werk-Chronik, flankiert von ein­er sorgfältig zusam­mengestell­ten Auswahld­isko­grafie und ‑bib­li­ografie.

Annette Eckerle