Penderecki, Krzysztof

Viola Concerto | Cello Concerto No. 2

Verlag/Label: Naxos 8.572211
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/01 , Seite 81

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 2


Mitte der 1970er Jahre hat­te Krzysztof Pen­derec­ki den Kreis­lauf um «nahezu iden­tis­che kom­pos­i­torische Bezugspunk­te» wohl selb­st als der­art been­gend emp­fun­den, dass er sich davon zu befreien suchte. Wobei ihm seine unver­hoh­lene Liebe zu Tschaikowsky, die auf Bruck­n­er, Sibelius und Schostakow­itsch, sog­ar auf Wag­n­er über­sprang, die Rich­tung wies: zurück in die Zukun­ft.
Ulrich Dibelius sprach 1988 von ein­er «neu ererbten klangschwel­gerischen Bre­it­spurigkeit», als deren Gefäß sich nicht zulet­zt die Gat­tung anbot, der sich Pen­derec­ki im Hin­blick auf befre­un­dete Solis­ten immer wieder mit Lei­den­schaft zuwandte: das Instru­mentalkonz­ert. Belegstücke sind unter anderem das für Mstislav Ros­tropow­itsch geschriebene und von ihm uraufge­führte, emo­tion­al aufgewühlte zweite Vio­lon­cel­lokonz­ert (1982) und das knap­per gefasste, dis­tin­guiert­er anmu­tende Vio­lakonz­ert (1983), dessen Kam­merorch­ester-Ver­sion für den rus­sis­chen Geigen­vir­tu­osen Grig­ori Zhis­lin ent­stand, den Pen­derec­ki zum Bratschen­spiel ver­führte. Deut­lich­er als das Cel­lokonz­ert bezeugt es eine plu­ral­is­tis­che Stil­hal­tung: das Bestreben des Kom­pon­is­ten, die Schroffheit­en der avant­gardis­tis­chen «Sturm und Drang»-Jahre mit den Annehm­lichkeit­en tönen­der Inner­lichkeit zu verbinden und zu ver­söh­nen. Aus­gle­ich statt Aus­griff – so hätte die ästhetis­che Maxime laut­en kön­nen.
Ein nach­den­klich­er Monolog des Solis­ten leit­et das Bratschenkonz­ert ein («Lento»). Die zweite, «Vivace» über­schriebene Solopas­sage wirkt demon­stra­tiv­er und führt eine hitzige Diskus­sion mit den Blech­bläsern her­bei. Während sie sich zum «Meno mosso» beruhigt, set­zt sich der Solist mit ges­timmten Schla­gin­stru­menten und den tief­er­en Stre­ich­ern auseinan­der, bevor Holzbläs­er und Schlag­w­erk der Musik eine scherzhafte Wen­dung geben. Ihr entspringt eine leb­hafte Episode, die bald in die Gelassen­heit des Werk­beginns zurück­find­et («Tem­po I»). Ein drit­ter, mar­tialis­ch­er «Vivo»-Teil markiert qua­si die Peripetie des sieben­teili­gen Klang­dra­mas, das fol­gerichtig in eine schluss­bildende Ruhe­zone aus­mün­det.
Mit der Ton­sprache des Polen innig ver­traut, bieten der aus St. Peters­burg stam­mende Geiger und Bratsch­er Grig­ori Zhis­lin, Pro­fes­sor am Lon­don­er Roy­al Col­lege of Music, und Pen­dereck­is pol­nis­ch­er Lands­mann und Schüler Antoni Wit, kün­st­lerisch­er Direk­tor der Warschauer Phil­har­monie, ein einzi­gar­tiges Hör­erleb­nis, indem sie die brück­en­för­mige Dra­maturgie und das rhetorische Poten­zial des Werks fein­nervig auss­chöpfen.
Nicht min­der erfül­lend das atem­ber­aubende Sait­en­spiel der rus­sis­chen Cel­lo-Vir­tu­osin Tat­jana Vas­sil­je­va, die unter anderem bei David Geringas studierte. Umflirtet, kon­terkari­ert oder auch ins Gebet genom­men von den Warschauer Phil­har­monikern unter Antoni Wit, erk­lärt sie Pen­dereck­is zweites Cel­lokonz­ert zu dem, was es ist: geistre­ich vir­tu­os­er Wettstre­it zwis­chen Solist und Orch­ester­grup­pen, Kurs­buch instru­men­taler Redekun­st und Wech­sel­bad der Stim­mungen und Affek­te. Wobei die for­male Gliederung des durchkom­ponierten Stücks dem Aufriss des Vio­lakonz­erts ähnelt. Bedauer­licher­weise liegt das Book­let nur in englis­ch­er Sprache vor. 

Lutz Lesle