Richter, Thomas

Warum man im Auto nicht Wagner hören sollte

Musik und Gehirn

Verlag/Label: Reclam, Ditzingen 2012, 200 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/04 , Seite 93

Auf ger­ade mal 190 Seit­en gelingt es Thomas Richter, die The­men «Musik und Gehirn», «Musik und Men­schheits­geschichte» und sog­ar «Die Zukun­ft des Gehirns» unterzubrin­gen. Respekt, sagt man da, zumal es sich ja nicht nur um große Prob­lem­felder han­delt, son­dern auch um wei­thin Uner­forscht­es, ja sog­ar um Prophezeiun­gen. Richter misst sich nicht an, all das klären zu kön­nen, was er anspricht. «Vieles bleibt offen», heißt es am Ende des Buch­es. Gle­ich zu Beginn räumt der frühere Pianist und heutige Berater phar­mazeutis­ch­er Unternehmen zu Recht ein: «Die Hirn­forschung wird klar unter­schei­den müssen, was sie sagen kann und was außer­halb ihres Zuständigkeits­bere­ich­es liegt, so wie die Musik­wis­senschaft […] zu Bachs Fuge einiges zu sa­gen hat, zur Erk­lärung ihrer einzi­gar­ti­gen Schön­heit aber schweigen muss.»
Die Rel­a­tivierung mehr oder weniger wis­senschaftlich­er Meth­o­d­en führt Richter zu einem feuil­leton­is­tis­chen Knäuel divers­er Argu­men­ta­tion­sstränge. Evo­lu­tion­is­tis­che The­o­rien fris­ten ein erquick­lich­es Dasein, hinzu gesellen sich strenge schul­medi­zinis­che Erörterun­gen über Funk­tion­sweisen unseres Hirns, sub­jek­tive Kom­mentare zu eige­nen Musikvor­lieben oder auch Speku­la­tio­nen über die Fre­quenz-Vari­a­tio­nen unseres Kam­mer­tons a. Kurzweilig ist das dur­chaus, und bei der Darstel­lung unge­heur­er Gehirn­leis­tun­gen beim Hören und Musizieren überzeu­gen des Autors Kom­pe­ten­zen. Mit fortschre­i­t­en­der Lek­türe aber drängt sich der Ein­druck ein­er gewis­sen rheinis­chen Geschwätzigkeit auf. «Aus der Lamäng» kommt auf Dauer zu viel. Und ein ums andere Mal führen Richter seine Sub­jek­tivis­men aufs Glat­teis. Vol­lends rutscht er aus, wenn er immer wieder auf die «Zwölfton­musik» oder «Neutön­er» zu sprechen kommt. Hat­te ein Friedrich Blume einst das «Natur­ereig­nis» Musik dazu miss­braucht, der Elek­tro­n­is­chen Musik ihr Dasein­srecht zu nehmen, so ver­fährt Richter nicht prinzip­iell anders. Bei ihm ist es eben das (naturgegebene) Hirn, das offen­bar nicht bere­it ist, den Schritt mitzu­machen von der Tonal­ität zur Atonal­ität, von der schö­nen Melodie zur ver­meintlich zusam­men­hanglosen Tonansamm­lung Schönberg’scher Prä­gung: «Das Gehirn wehrt sich gegen die atonalen, dis­so­nan­ten Stücke der Zwölfton­musik, da mag sie noch so sehr die Musik­the­o­rie wie auch die kom­pos­i­torische Prax­is im 20. Jahrhun­dert bee­in­flusst haben.»
Auf Dauer wirken solch rückschrit­tliche Stereo­type nicht nur geschwätzig, son­dern auch ärg­er­lich. Zu­mal dann, wenn die Funk­tion­sweisen des Gehirns nach eige­nen Worten ungek­lärt sind, zumal dann, wenn in unsäglich­er (plöt­zlich doch unan­genehm zeit­gemäßer) Manier die omnipräsente Quote ins Spiel kommt. Als Beleg für die perzep­tive Inadäquanz der Musik nach Schön­berg dient Richter der Raus­schmiss des Dort­munder Gen­eral­musikdi­rek­tors, der 2011 auf­grund seines Bemühens um die zeit­genös­sis­che Musik und fol­glich «drama­tisch sink­ender Aus­las­tun­gen» gehen musste. Möge also den Klas­sik­ern wieder mal ein unendlich­es Leben beschieden sein! Konz­erte mit Beethoven und Schu­bert sind ja immer voll 

Torsten Möller