Essl, Karlheinz

Whatever Shall Be

Music for Toy Instruments and Electronics

Verlag/Label: edition eirelav 002
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/02 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Seit John Cages Suite for Toy Piano ist das als Miniaturklavier verklei­dete Glock­en­spiel zweifel­los zum beliebtesten Spielzeu­g­in­stru­ment der Gegen­wartsmusik avanciert. Neben Mar­garet Leng Tan wid­met sich vor allem die öster­re­ichis­che Pianistin Isabel Ette­nauer inten­siv dem den Kinder­schuhen längst entwach­se­nen Instru­ment. Ein­er der let­zten Kom­pon­is­ten, den sie mit dem Toy-Piano-Virus infizierte, ist Karl­heinz Essl. Fasziniert von der «Unschuld» ein­er Materie, die nicht die ganze abendländis­che Musik­tra­di­tion mit sich herum­schleppe wie das gewöhn­liche Klavier, schreibt Essl seit eini­gen Jahren regelmäßig Stücke für Toy Piano. Den eher eingeschränk­ten klan­glichen Gegeben­heit­en arbeit­et er gezielt mit elek­tro­n­is­chen Trans­for­ma­tio­nen und Erweiterun­gen ent­ge­gen, die das Spielzeu­g­in­stru­ment zum Aus­gangspunkt und Bestandteil mehr­dimensionaler Klan­gräume wer­den lassen. Die Soft­ware für seine Echtzeit-Manip­u­la­tio­nen hat Essl gle­ich selb­st geschrieben.
In Kalim­ba (2005) ist die elek­tro­n­is­che Ebene per Mini-Laut­sprech­er im Instru­ment sel­ber ver­steckt, sodass Livespiel und «play­back» schein­bar der­sel­ben Quelle entsprin­gen. Chro­ma­tis­che und dia­tonis­che Skalen wer­den hier hyp­no­tisch in- und übere­inan­derge­blendet, beschle­u­nigt, ver­langsamt, verdichtet und aus­gedün­nt. In Anlehnung an Berios Sequen­zas lotet Essl in der Sequitur-Rei­he die Aus­drucksmöglichkeit­en ver­schieden­er Soloin­stru­mente aus. Seine Liebe zum melodi­eträchti­gen Met­all­spielzeug macht dabei beim Toy Piano nicht halt: In Sequitur XIV (2009) ist es – was Essls erstes Toy-Piano-Stück qua­si ankündigte – eine Kalim­ba, die hier, ver­wick­elt in kom­plexe kanon­is­che Bewe­gun­gen und dig­i­tale Real-Time-Prozesse, teils in völ­lige Geräuschhaftigkeit aufgelöst ist; in Pandora’s Rev­e­la­tion (2009/13) ist eine Spieluhr Grund­lage der konzen­tri­ert-min­i­mal­is­tis­chen Hybris. Das Schöne an diesen Stück­en ist, dass Essl bei aller Auflö­sung und Ent­gren­zung der tra­di­tionellen instru­men­tal­en Ober­flächen immer wieder zum natür­lichen Charme des Aus­gangsmedi­ums zurückkehrt.
Diese gelun­genen Sym­biosen von instru­men­talem «Low  Tech» und dig­i­taler Trans­for­ma­tion erre­ichen ihren Höhep­unkt im titel­geben­den what­ever shall be für Spielzeugklavier, Kreisel, Spieluhr und Live-Elek­tron­ik (2010). Da rotieren Kreisel im Innern des «Klaviers», wer­den per Fin­ger­hut Glis­san­di auf den Met­all­stäben fab­riziert und über­haupt der gesamte Kor­pus perkus­siv ein­be­zo­gen, bevor am Ende die Spieluhr Que sera, sera anstimmt: Alles Vorige war näm­lich bis zur Un­kenntlichkeit extrahiertes Mate­r­i­al des Filmmusikklassikers 
Es darf her­vorge­hoben wer­den, dass Isabel Ette­nauer auch das dig­i­tale «Spielzeug» per­fekt beherrscht, also auch die Live-Elek­tron­ik größ­ten­teils selb­st bedi­ent – und so zu ein­er wirk­lich verin­ner­licht­en Poe­sie findet 

Dirk Wieschollek