Wittener Tage für neue Kammermusik 2011

7 Videos zu Installationen und Landschaftskunst von Manos Tsangaris, Daniel Ott, Peter Ablinger, Stephan Froleyks und Kirsten Reese | 90 min.

Verlag/Label: Kulturforum Witten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/05 , Seite 83

Die Klan­gin­stal­la­tio­nen, die bei den Wit­ten­er Tagen für neue Kam­mer­musik schon seit Langem einen Pro­gramm­punkt bilden, haben sich 2011 aus der unmit­tel­baren räum­lichen Umge­bung des Fes­ti­vals gelöst und sind ins Umland aus­geschwärmt. Als Achse diente dabei die Ruhr, der Fluss, nach dem die alte Indus­trieland­schaft, zu der auch Wit­ten gehört, benan­nt ist. Die Arbeit­en von fünf Autoren/Komponisten sind nun erst­mals auf Video fest­ge­hal­ten und der tra­di­tionellen Dop­pel-CD der Wit­ten­er Tage – die lei­der nur auf ver­schlun­genen Wegen erhältlich ist (siehe Infokas­ten) – als DVD beigelegt worden.
Haupt­stück der sieben Film­se­quen­zen mit ihren unge­mein stim­mungsvollen Bildern ist Schwalbe, der halb­stündi­ge Beitrag von Manos Tsan­garis, benan­nt nach dem kleinen Aus­flugss­chiff, auf dem ein paar Musik­er, das Pub­likum und das Filmteam eine Rund­fahrt auf dem Wass­er unternehmen. Auf dem geteil­ten Bild­schirm sieht man links und rechts die Ufer vor­bei­gleit­en, mit zufäl­li­gen Spaziergängern, aber auch eini­gen Musik­ern und Schaus­piel­ern, die im Moment der Vor­beifahrt in Aktion treten. Ein Jog­ger begleit­et das Schiff eine lange Wegstrecke. Eine Stimme aus dem Off – sie gehört der Schaus­pielerin Maria Meck­el, die man am Flus­sufer ein paar Mal ste­hen und winken sieht – gibt einige Stich­worte zu dem, was man sieht und hört. Die Wirk­lichkeit­sebe­nen über­schnei­den sich, und mit dem Sprech­text tritt auch eine lit­er­arische Ebene dazu. Das Resul­tat ist eine san­ft-ein­dringliche Mis­chung von Bild, Text, musikalis­chen und Umwelt­geräuschen. Doku­men­ta­tion und Imag­i­na­tion, sinnliche Wahrnehmung und Reflex­ion fließen wun­der­sam ineinan­der und erzeu­gen eine fast sur­reale Erleb­nis­land­schaft. Ein Aspekt, der den Teil­nehmern auf der Fahrt mit der «Schwalbe» kaum aufge­fall­en sein dürfte und erst im Medi­um des Films zus­tande kommt.
Auch die anderen Beiträge ste­hen mit dem Fluss direkt oder indi­rekt in Beziehung. Peter Ablinger lässt Wassertropfen auf Glas­röhren fall­en und pro­jiziert den Klang mit­tels Mikro­fon und Laut­sprech­er auf die Wiese hin­aus; dort ste­ht eine bege­hbare Skulp­tur aus weißen Tüch­ern, die an Wäscheleinen aufge­hängt sind und im Wind flat­tern. Dieses Video hat einen eben­so doku­men­tarischen Charak­ter wie das­jenige über den Beitrag von Kirsten Reese, die eine Bur­gru­ine am Rande der Ruhr über Laut­sprech­er mit dem Rauschen des Wassers beschallt; doch hier erhält das End­pro­dukt durch die ein­fall­sre­iche Wahl der Bilder und die Kam­er­aführung (Ken­ja­mi Meli­na Hup­pertz) eine ganz eigene Atmosphäre.
Ähn­lich­es geschieht beim Beitrag von Stephan Fro­l­eyks, der mit dem verän­der­baren Klang von Laut­sprech­ern arbeit­et, die an ein­er Art Angel­rute in das Wass­er getaucht wer­den. Indem der Orig­inal­ton zum Sound­track gemacht wird, der mit den – meist sta­tis­chen – Bildern von der Flus­sland­schaft und mit den Naturg­eräuschen neu gemis­cht wird, entste­ht ein audio­vi­suelles Pro­dukt von eigen­em Zuschnitt.
Eine über das Doku­men­tarische hin­aus­ge­hende, eigen­ständi­ge Wirkung ent­fal­ten die Auf­nah­men in den bei­den Sequen­zen von Daniel Ott. Der Fluss, der bei der Herbed­er Schleuse rauschend über das Wehr fällt und dabei eine kom­plexe serielle Bild­struk­tur erzeugt, wird hier in Bild und Ton unmit­tel­bar zum ästhetis­chen Gegen­stand. Die dazugemis­cht­en Geräusche von Schlagzeug und E‑Gitarre wirken zunächst als bloße Zugabe, doch wenn am Schluss die Gitar­ris­ten auf einem Boot davon­fahren, wer­den sie dra­matur­gisch in den Ablauf inte­gri­ert. Indem Ott in ein­er zweit­en Sequenz das­selbe Bild- und Ton­ma­te­r­i­al mit Auss­chnit­ten aus einem Ölgemälde des 18. Jahrhun­derts überblendet, schafft er his­torische Tiefe. Auch in diesem Fall unter­schei­det sich das medi­ale Pro­dukt fun­da­men­tal von der Live-Auf­führung – sie fand im Saal vor dem Orig­i­nal­gemälde statt, auf welch­es das Video pro­jiziert wurde – und schafft sich eine Real­ität sui generis.
Aus allen Beiträ­gen ergibt sich eine eigen­tüm­liche Poet­isierung der über die Jahrhun­derte ver­braucht­en und miss­braucht­en Land­schaft rings um das Ruhrflüss­chen. Den Schaum­schlieren auf dem Wass­er, den abgewirtschafteten Ufern und den banalen architek­tonis­chen Spuren der Ver­gan­gen­heit wächst unver­hofft eine ästhetis­che Würde zu, ganz im Sinne der Baudelaire’schen Ästhetik von der Schön­heit im Hässlichen. Der Blick auf diesen kleinen Auss­chnitt der epochalen Land­schaft Ruhrge­bi­et ist ungewöhn­lich. Es ist der mit den Mit­teln der Kun­st unter­nommene Ver­such ein­er Ver­söh­nung des Men­schen mit der Natur, die er verge­waltigt hat und die sich trotz allem als unz­er­stör­bar erweist.
Angesichts der heuti­gen Sit­u­a­tion in NRW wäre Verk­lärung aber fehl am Platz. Da auch die Stadt Wit­ten zahlung­sun­fähig ist und unter Kura­tel ste­ht, wird sie ihren Anteil am Bud­get der Kam­mer­musik­tage in Zukun­ft wohl nicht mehr leis­ten kön­nen. So ist zu befürcht­en, dass diese DVD nicht nur den vor­läu­fi­gen Höhep­unkt, son­dern auch das Ende der Wit­ten­er Out­door-Ver­anstal­tun­gen doku­men­tiert. Die Zer­störung geht wohl in neuer Form weit­er: Das Wass­er wird weit­er über das Wehr bei Herbe­de rauschen, doch die Kun­st sitzt dann erst ein­mal auf dem Trockenen.

Max Nyffeler