Stockhausen, Karlheinz

Zyklus für einen Schlag­zeuger (in zwei Fassungen) / Klavierstück X

Verlag/Label: Wergo studio reihe WER 67722
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/01 , Seite 83

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Für Max Neuhaus, der im Feb­ru­ar 1963 in New York die zweite Fas­sung des Zyk­lus für einen Schlagzeuger von Karl­heinz Stock­hausen auf­führte, war «die Ver­schmelzung zweier Konzepte von Impro­vi­sa­tion und Kom­po­si­tion, die Möglichkeit für den Inter­pre­ten, ‹impro­visieren› zu kön­nen mit durchkom­ponierten Ele­menten inner­halb ein­er kom­ponierten Struk­tur», die wichtig­ste musikalis­che Idee des Kom­pon­is­ten für diesen Zyk­lus. Stock­hausen bedi­ente sich in dem 1959 geschriebe­nen Stück eines Ele­ments, das über­wiegend im Jazz eine, ja die wichtig­ste Rolle spielt: die Impro­vi­sa­tion, die Frei­heit des Inter­pre­ten, vorgegebenes Ton­ma­te­r­i­al im eige­nen Sinne zu vari­ieren, zu erweit­ern, zu verzieren. Um dem Impro­vi­sa­tion­s­gedanken genü­gend Raum zu geben, gren­zte der Kom­pon­ist die Spiel­d­auer des Stücks nicht ein, son­dern über­ließ dem Inter­pre­ten auch die zeitliche Aus­gestal­tung des Werks. Neuhaus fand für seine Darstel­lung eigene Spiel­tech­niken; Christoph Caskel, Inter­pret der ersten Fas­sung, favorisierte ein gle­ich­bleiben­des Zeit­maß. Der Zyk­lus ent­stand als Pflicht­stück für einen damals in Kranich­stein bei Darm­stadt ange­siedel­ten Schlagzeugwettbewerb.
Der Zyk­lus für einen Schlagzeuger, dieser Hochkaräter unter vie­len Edel­steinen, repräsen­tiert die Vielzahl rev­o­lu­tionär­er Werke der neuen Musik an her­aus­ra­gen­der Stelle. Das trifft eben­so auf das von Stock­hausen 1954 geschriebene Klavier­stück X zu, das er Aloys Kon­tarsky wid­mete und das eng mit dem Namen des Pianis­ten Fred­er­ic Rzews­ki ver­bun­den ist. Rzews­ki spielte die Urauf­führung 1962 im Rah­men der «3. Set­ti­mana Inter­nazionale Nuo­va Musi­ca» in Paler­mo. Stock­hausens Ver­such, zwis­chen Ord­nung und Unord­nung einen roten Faden zu find­en, sozusagen eine unge­ord­nete Ord­nung herzustellen, zeigt im Ergeb­nis ein abso­lut unge­bändigt erscheinen­des Klavier­szenario, das dem Inter­pre­ten höch­ste Konzen­tra­tion und Fin­ger­fer­tigkeit abver­langt. Die ras­ante Geschwindigkeit, die Stock­hausen dem Pianis­ten abver­langt, pro­duziert ein dicht gewebtes, nahezu undurch­läs­siges Klangge­bilde, dessen serielle Aus­gestal­tung diverse Extreme zulässt. So dominiert neben ein­er kraftvollen Dynamik gle­ich­berechtigt eine kom­plexe Clus­ter­struk­tur. Vor allem aber sind es die Gegen­sätze, die das Klavier­stück X als Meilen­stein der neuen Musik erscheinen lassen: laut und leise, langsam und schnell, kurz und lang, Klang und Geräusch und so weit­er. Stock­hausen ist der Ver­such, «zwis­chen rel­a­tiv­er Unord­nung und Ord­nung zu ver­mit­teln», auf eine Weise gelun­gen, die das Stück auch mehr als fün­fzig Jahre nach seinem Entste­hen unver­wech­sel­bar macht und als weit­sichtig etikettiert.
Zu seinem fün­fzigjähri­gen Jubiläum wiederveröf­fentlicht das Wer­go-Label als Ken­n­marke ein­er avancierten zeit­genös­sis­chen Musik her­aus­ra­gende Ein­spielun­gen, die unter dem Namen «stu­dio rei­he neuer musik» in den sechziger Jahren des ver­gan­genen Jahrhun­derts für Furore sorgten. Erst­mals erscheinen diese Werke in ein­er her­vor­ra­gen­den Klangqual­ität auf CD. Die hier repro­duzierten bei­den Werke wur­den 1965 auf der Wer­go-LP gle­ichen Namens veröf­fentlicht (WER 60010).

Klaus Hübner