“Zornfried” in Kassel

Auf Burg Zornfried versammeln sich die Vordenker einer Neuen Rechten: Eine Burgherrin philosophiert völkisch, Männergruppen ertüchtigen kämpferisch ihre Leiber, und ein geheimnisvoller Dichter schmiedet Verse, die von Blut, Weihe und Kitsch triefen. Das lockt auch Journalist:innen an, die das großspurig begleiten, dabei jede Distanz verlieren und der Demokratie einen Bärendienst erweisen. Jörg-Uwe Albig hat 2019 mit Zornfried eines „der wichtigsten Bücher des Jahres“ (FAZ) geschrieben. In der Kasseler Uraufführung als Romanadaption, dem Musiktheater Zornfried von Philipp Krebs, für das Albig auch das Libretto verfasst hat, verwischen bei teilnehmender Beobachtung und beobachteter Teilnahme zunehmend die Grenzen: Wehrsportübungen, Wagner und weihevolle Tafelrunden erfüllen die Aura der ehemaligen preußischen Jägerkaserne rund um das INTERIM.

Der mehrfach ausgezeichnete Komponist Philipp Krebs, der mit Zornfried sein erstes abendfüllendes Musiktheaterwerk vorstellt, hat sich für die Romanadaption auf die Suche nach der grotesken Horrorvision neuer deutscher Tonalität gemacht. Im Untergrund seiner avancierten Klangsprache mit großem Orchester raunt es immer wieder leitmotivisch, nationalromantische Klänge vermischen sich mit biersaurem Volksmusikschlager und Retro-Kitsch – und unter verlockend-augenzwinkernder Leichtigkeit lauert der tiefbraune Abgrund. Uraufführung am 18. April 2026 im INTERIM (Staatstheater Kassel; Musikalische Leitung: Viktor Jugović, Regie: Kerstin Steeb); nächste Vorstellungen: 23. April, 2., 9., 15. Mai sowie 29. Mai im Rahmen des Festivals Deutschland, Deutschland unter anderem. Musiktheater im Präfaschismus.

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